Was ist eigentlich „Kommunismus“?

Worte unterliegen immer einer Bedeutungswandlung (das nennt man in der Sprachwissenschaft „Semantik“), weil Sprache nun einmal auch Wandlungen unterliegt und von sozialen Interessen mitbestimmt wird. Das Wort „Kommunist“ hatte im 19 Jahrhundert sicherlich eine andere Bedeutung als im frühen 20. und dann wiederum im späten 20. Jahrhundert.
Allerdings bin ich völlig einverstanden damit, das Wort „Kommunist“ auf seine ursprüngliche Bedeutung zurückzuführen und seine durch imperialistische Propagandamaschinen bewirkte Bedeutungsverschiebung auf Systeme des Typus bürokratische Einparteiensysteme auf der Basis verstaatlichter Wirtschaft zu bekämpfen oder zumindest stark zu relativieren (im Bewusstsein der breiten Masse des Proletariat, das 70-80% der Bevölkerung darstellt).
Vielen ehrlichen Kommunisten wird von Seiten der Herrschenden immer wieder vorgehalten, dass sie nicht darlegen könnten, wie eine kommunistische Gesellschaft nach einer sozialistischen Übergangsperiode wirklich aussehen kann. Somit bliebe nebulös, was eigentlich Kommunismus ist.
Dieser Vorwurf ist leider nicht von der Hand zu weisen, weil er stimmt.
Das war aber nicht immer so. Marx und Engels hatten sogar sehr konkrete Vorstellungen von der kommunistischen Gesellschaft. Sie basierten auf der Sozialphilosophe Charles Fouriers, den speziell Engels geradezu hymnisch verehrte. Allerdings waren beide der Meinung, dass die Zeit noch zu früh sei, dass der Kern der Fourierschen Utopie wirklich verstanden werden konnte, sondern zogen es vor, als „Kommunismus“ die „reale Bewegung“ zu bezeichnen, „die den bestehenden Zustand aufhebt“.
Dass speziell Marx aber basierend auf den Kerngedanken Charles Fouriers eine sehr klare Vorstellung von der kommunistischen Zukunft hatte, belegt folgender Satz aus der „Deutschen Ideologie“:

„Sowie nämlich die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat Jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will – während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“

http://mlwerke.de/me/me03/me03_017.htm
Bedingt durch die Deformierung des Marxismus durch den Stalinismus aber sind diese Zusammenhänge fast völlig in Vergessenheit geraten und müssen erst wieder neu entdeckt werden.

Deshalb seien kurz Fouriers Kerngedanken zur Zukunftsgesellschaft, die er „Harmonie“ nennt (und die nach Marx und Engels weitgehend synonym mit „Kommunismus“ als Gesellschaftsform ist), hier gerafft und konzentriert dargelegt:

  • Die Basis der Zukunftsgesellschaft ist die Organisation der Menschheit in „Serien“. Serien sind freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen entlang ihrer Leidenschaften, bzw gewisser Kollektionen von Leidenschaften. Die Leidenschaften (passions) sind die grundlegende Triebfeder des Menschen, der „soziale Code“, die letztliche Ursache ihres Handelns. Fourier konstatiert ein System von 13 fundamentalen Leidenschaften, die sich vielfältigst aufdifferenzieren. Von diesen ist die 13.Fundamental-Leidenschaft („Unitismus“ – das Streben, das eigene Glück mit dem der anderen zu vereinen) die „Pivotale“, der „Drehpunkt“ der Zukuntsgesellschaft.
  • Jeder Mensch wählt seine Zugehörigkeit zu „Serien“ selbst, kann beliebig vielen angehören und sie auch jederzeit wechseln. Die Menschen wählen auch selbst, wieviel Zeit für welche Leidenschaft und damit welche Serien, denen sie angehören, aufwenden (siehe Zitat von Marx)
  • Die „Serien“ können hochdifferenziert sein und verwalten sich selbst.
    Sie kooperieren auf vielerlei Weise miteinander.
  • Die Menschen leben in Basiseinheiten vom Typus einer Großkommune („Phalansterium“). Fourier ist der (umstrittenen) Meinung, dass ca 1600 Menschen die ideale Größe darstellt, weil so möglichst alle Fundamentalleidenschaften vertreten sein können.
  • Die Liebe (die „Hauptbeschäftigung in der Harmonie“) ist frei. Wer in lebenslanger Monogamie leben möchte, kann dies tun, ebenso wie Promiskuitäre oder Polyamoristen. Gleiches gilt auch für Schwule, Lesben oder Anhänger diverser sexueller Vorlieben und Neigungen. Alle Differenzierungen werden ausdrücklich gesellschaftlich gefördert.
  • Durch ein System von „Arbeitsbörsen“ (in der „Harmonie“ ist „Arbeit“ ein ausschließlich positiver Begriff, weil sie grundsätzlich auf den Leidenschaften basiert) werden notwendige Arbeiten mit entsprechenden Serien und den sie antreibenden Leidenschaften zusammengebracht, weswegen auch alle notwendigen Arbeiten getan werden.

Dies soll als sehr knappe Einführung vorerst genügen. Klar ist das eine völlig andere Gesellschaft als die, wie sie leider sehr viele Menschen mit diesem Begriff assoziieren.
Ich möchte noch erwähnen, dass Herbert Marcuse in den 70er Jahren vom „Ende der Utopie“ sprach. Was meinte er aber damit? Das wissen nur wenige.
Er meinte damit, dass die Utopie Charles Fourier die „ultimative soziale Utopie“ gewesen sei, die als soziale Utopie nicht mehr übertroffen werden kann. Deswegen „das Ende der Utopie“.
Nach Fourier kann es nur noch darum gehen, diese ultimative Utopie zu verwirklichen. Sie zu übertreffen ist nicht möglich. Sie kann nur konkretisiert und in die Welt geholt werden.

Ich empfehle zu weiterem Studium folgende meiner Videos:

(Arbeit und Liebe bei Charles Fourier)

(Jenseits des Realitätsprinzips – Vortrag über Leben und Werk des Herbert Marcuse)

Attraktive Arbeit und Freie Liebe – Die Zukunftsvisonen des Charles Fourier (Version 1)

(Der Geist der Utopie)

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2 Gedanken zu “Was ist eigentlich „Kommunismus“?

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