Die Falschen in Syrien

Noch ein sehr faktenreicher Artikel, dessen vollständige Spiegelung sich lohnt:

Die Falschen in Syrien

http://domiholblog.tumblr.com/post/130340740884/die-falschen-in-syrienDominic H – 05-10-2015

«Greift Russland die Falschen an?» Das fragte im Chor mit anderen westlichen Journalisten und Politikern am 1. Oktober auch der US-Korrespondent der ‹Frankfurter Rundschau›. Da Russlands kürzlich begonnene militärische Hilfe unter Zusammenarbeit mit der syrischen Regierung geschieht, ist es nicht auszuschliessen, dass aus westlicher Sicht die «Falschen» angegriffen werden. Wie der Westen, kann nämlich auch Russland den Kampf gegen den Islamischen Staat (ISIS) mit zusätzlichen Strategien verknüpfen. Dazu kommt, dass die Planer in Moskau eine schnelle Wende auf dem Schlachtfeld benötigen, wenn sie vermeiden wollen auf Dauer in Syrien gebunden zu werden. Obwohl im Westen die Tatsache akzeptiert wird, dass ausser ISIS eine syrische Al-Kaida und deren Sympathisanten existieren, stimmt man nicht mit Russlands Schlussfolgerung überein, dass ein erfolgreiches Ausschalten des ISIS-Terrors eine Stärkung des syrischen Staats bedingt. Die erklärte Strategie der Amerikaner ist eine Armee sogenannter «Rebellen» aufzubauen.
Die verlorene Ehre der Moderaten

«Es ist eine kleine Anzahl. Wir reden von vier oder fünf», erklärte am 16. September Lloyd J. Austin III, 4-Sterne-General der Armee der Vereinigten Staaten und Leiter des Regionalkommandozentrums für den Nahen Osten, Zentralasien und Ostafrika ‹CENTCOM›. Der imperiale Krieger machte seine Aussage vor dem Ausschuss der US-Parlamentskammer ‹Senat› für die Kontrolle des US-Verteidigungsministeriums ‹Pentagon›. Eine halbe Milliarde US-Dollar wurde von US-Präsident Barack Obama für ein Trainingsprogramm für syrische Rebellen angelegt. Bis Ende 2015 sollten durch die USA 5’000 Mann bezahlt, geschult, bewaffnet und nach Syrien geschickt werden. Obama machte seinen Völkerrechtsbruch offiziell, begründete ihn mit dem Kampf gegen den neuen Buhmann ISIS und unterstellte das Programm dem Pentagon. Gerade einmal fünf Kämpfer als Resultat dieser Bemühungen war natürlich eine Blamage.

CENTCOM steht derzeit in der Kritik, Berichte über vermeintliche Erfolge gegen ISIS geschönt zu haben. Der Generalinspektor des Pentagon musste Ermittlungen aufnehmen, da sich 50 Analysten des Verteidigungsnachrichtendienstes offiziell beschwert hatten. General Austin fand es allerdings schwierig in seinen Aussagen etwas schön reden zu können – zu deutlich war die Tatsache, dass ISIS seit die USA über Syrien und dem Irak Bomben abwerfen nur noch stärker geworden ist. «Ich glaube nicht, dass die Aussagen: ‹Der Krieg wird noch Jahre andauern› und ‹Die Aussichten des IS [ISIS] haben sich getrübt› miteinander kompatibel sind», meinte Senator Tim Kaine zu den Erklärungen des Generals.

Warum aber resultierten so wenig Rebellen aus einem mit über 500 Millionen US-Dollar dotierten Programm? Der erklärte Plan war, dass alle Kandidaten für Obamas Rebellen-Rekrutenschule eine Gesinnungskontrolle absolvieren müssen. Die USA wollten damit sicher stellen, dass das westliche Publikum diese Söldnerarmee als die viel zitierten «moderaten Rebellen» erkennen würde. Nicht, dass irgendwo genau definiert wäre, was die US-Regierung unter «moderat» oder «gemässigt» versteht. Die meisten Medien-Konsumenten denken bei solchen Begriffen wohl an «demokratisch» – wobei «nicht dschihadistisch» vielen Politikern, Experten und Journalisten für die Zukunft Syriens schon zu genügen scheint.

Bisher – so berichteten US-Medien schon in 2012 – wurden tausende syrischer Rebellen vom US-Auslandsgeheimdienst ‹CIA› mehr oder weniger heimlich bezahlt, geschult, bewaffnet und nach Syrien geschickt. Wie die Erfahrungen inzwischen zeigen, wurden dabei zur Gesinnung eher weniger Fragen gestellt. Die Arbeit der Geheimdienstler ist geheim und somit auch ihre Verbrechen. Im US-amerikanischen System ist es weitaus einfacher einen Angehörigen der Streitkräfte vor einem parlamentarischen Ausschuss zu zitieren. Daher wohl auch die Diskrepanz der Rekrutierungs-Erfolge, denn für Obamas Programm zeichnen Pentagon-Militärs verantwortlich und die müssen es ernst nehmen mit der Prüfung von Rekruten.

Glaubte man innerhalb der Obama-Administration etwa die eigene Propaganda über einen demokratischen Aufstand in Syrien? Erwartete man wirklich unter syrischen Rebellen eine grosse Anzahl zertifizierbarer Nicht-Dschihadisten zu finden? Innerhalb des Programms sollten nur Kämpfer ausgebildet werden, die sich verpflichten würden, vor einem Krieg gegen die Regierung in Damaskus, zuerst ISIS und die syrische Al-Kaida, die sogenannte ‹Nusra-Front› zu bekämpfen. «Es erweist sich als sehr schwierig, Leute zu finden, die beide Kriterien erfüllen», war dazu die Aussage des US-Verteidigungsministers. Es stünden zwar genügend Trainings-Einrichtungen zur Verfügung, aber im Moment einfach nicht genügend Rekruten. Im Juni erklärte das Pentagon, dass sich 6’000 Freiwillige gemeldet hätten. Von diesen wären 2’000 geprüft worden und etwa 1’500 hätten ein erstes Auswahlverfahren absolviert. Die meisten hatten zu diesem Zeitpunkt offenbar alle noch auf den Beginn ihres Militärtrainings in Katar, der Türkei, Saudi-Arabien oder Jordanien gewartet. Nur 200 Kämpfer waren in der Ausbildung, da sie die endgültige Gesinnungsprüfung bestanden hatten.

Es war unklar, wie die USA ihren Söldnern in Syrien zur Seite stehen würden, aber diese Frage hat sich vorläufig erübrigt. Probleme begannen bereits im Juli, als 60 Graduierte unmittelbar nach ihrem Einfall in Syrien von der Nusra-Front angegriffen, teilweise getötet und ihre Führung mit den Überlebenden als Geiseln verschleppt wurden. Für die US-Söldnergruppe verantwortlich zeichnete damals eine Rebellen-Miliz mit dem Namen ‹Division 30›. In ihren öffentlichen Erklärungen zum Vorfall bezeichnete diese angeblich moderate Miliz pikanterweise die Nusra-Front als ihre «Brüder».

Kurz nach General Austins peinlichem Auftritt wurde von Journalisten brav die Nachricht bejubelt, dass jetzt 75 Kämpfer nach einer zweimonatigen Ausbildung in die syrische Provinz Aleppo einmarschiert seien. In der offiziellen Bestätigung dafür erklärte CENTCOM, dass die Absolventen als ‹Neue Syrische Streitkräfte› (NSF) mit den vom US-Militär gelernten Fähigkeiten gegen ISIS kämpfen würden. Mit dem neuen Markennamen NSF hoffte man wohl auf schnelles Vergessen von Division 30, die sich mit ihrem Outing als Brüder der syrischen Al-Kaida im Westen leicht desavouiert hatte. Gemäss CENTCOM, würde NSF zusammen mit «auf ihre Gesinnung geprüften» Oppositionsgruppen kämpfen. Die Amerikaner haben bisher vermieden ihre angeblich «geprüften» Gruppen sauber aufzulisten. NSF stehe nicht direkt unter dem Kommando der USA, hiess es weiter, aber die Miliz werde unterstützt von der US-geführten Staaten-Koalition, welche derzeit Syrien wegen ISIS bombardiert. Damit fehlte die völkerrechtlich relevante Klarstellung, wer denn nun nach Ansicht der USA für ihre neue Rebellenarmee und deren eventuelle Kriegsverbrechen als Oberbefehlshaber verantwortlich zeichnet.

Dass Obama zur Durchführung seines Söldner-Programms das Pentagon und nicht wie bisher die CIA beauftragte, hatte sicherlich politische Gründe. Mit ISIS als Vorwand, wurde das Programm vom US-Parlament ‹Kongress› finanziert und benötigte daher zwingend ein sauberes Image. War aber grosse Truppenstärke überhaupt wichtig? Setzten die Planer in Washington etwa darauf, dass streng auf ihre politische Gesinnung Geprüfte mit Absolventen eines kontinuierlich vom CIA in Sachen Gesinnung weitaus entspannter geführten Programms verschmelzen würden? Wollte man so aus 75 garantiert moderaten Rebellen 750, 7’500 oder noch mehr zaubern? Wenn dann auch noch, wie durch ein Wunder (oder mit endlich ernst gemeinten US-Bombenangriffen), ISIS verschwinden würde, wäre den neuen Helden der mediale Jubel für den Endsieg gegen die syrische Regierung sicher und kein westliches Wahlschaf würde jemals danach fragen, aus welchem US-Programm die Kämpfer denn nun wirklich stammten. Bestand somit für Obama auch ein guter Grund über ein ganzes Jahr den Krieg gegen ISIS vorerst nicht bis zur letzten Konsequenz durchzuführen? Eine solche Verschwörungstheorie lässt sich zwar nicht beweisen aber es gibt immerhin Hinweise, dass es nicht so abwegig wäre. Ein inzwischen öffentlich gemachter Bericht des US-Militärgeheimdienstes warnte Mitte 2012 vor dem wahrscheinlichen Aufstieg von ISIS als direkte Folge des von der USA-geführten Staaten-Koalition verfolgten Regierungssturzes in Syrien. Zugleich aber beschreibt das Dokument dieses Ergebnis als strategische Chance die syrische Regierung zu «isolieren».

Obama scheut sich übrigens auch anderswo gegen ISIS konsequent vorzugehen. Zum Beispiel würde die Sanktionsliste der Vereinten Nationen gegen Personen und/oder Organisationen als zusätzliches Instrument die Aktivitäten der Terror-Gruppe beschneiden können. Es ist daher mehr als seltsam, warum derzeit der sonst so Sanktionen-geile US-Präsident die Aufnahme von ISIS in diese Liste ablehnt. ISIS wird zwar von der UNO als Terror-Organisation eingestuft, doch es werden keine Sanktionen umgesetzt. Ein hochrangiger Sprecher des russischen Aussenministeriums meinte dazu: «Wir glauben, dass die Amerikaner zeigen wollen, dass Macht und aktueller Erfolg von ISIS nicht damit zusammenhängt, dass … die Vereinigten Staaten die Opposition … zu schlampig trainiert hätten, wodurch bedeutende Ausrüstungen in die Hände von Extremisten gelangt sind.»

75 NSF-Kämpfer reisten also gegen Ende September von der Türkei nach Syrien in zwölf mit US-Waffen schwer beladenen Fahrzeugen. Die USA hatten zudem neue Verbündete für ihren Rebellentrupp gefunden: ‹Liwa Suqour al-Jabal› – die «Brigade der Berg-Falken». Diese Berg-Falken waren angeblich der Divison 30 bereits im Juli und August zu Hilfe gekommen. Zusätzlich soll es auch noch einen Geleitschutz durch amerikanische Kampfjets und Überwachungsdrohnen gegeben haben. Sie hätten wohl militärisch jede Gefahr für diese Handvoll gehätschelter Rebellen eliminieren können, aber mit einem hatten die Amerikaner wohl nicht gerechnet: Betrug. Denn kurz darauf mussten die USA eingestehen, dass Söldner, die sie ausgebildet und bewaffnet hatten, um gegen ISIS und Al-Kaida zu kämpfen, freiwillig ihre Ausrüstung an eben diese Al-Kaida übergeben hatten: Nagelneue Toyota-Geländewagen, M16-Maschinengewehre, Panzerabwehrraketen, Flakgeschütze, jede Menge Munition, GPS-Sender, Nachtsichtgeräte und mehr. Laut einem Vertreter der Nusra-Front, hatte ihnen der NSF-Kommandant erklärt, dass er das amerikanische Militär betrogen habe, weil er Waffen benötigte.

Dieser NSF-Kommandant, Anais Ibrahim Obaid, welcher den Nom de guerre Abu Zayd führt, erklärte nach dem erfolgreich durchgeführten Schwindel auf seiner ‘Facebook’-Seite, dass er jetzt «ausserhalb der Division 30» stehen würde und nichts mehr mit den USA zu tun haben wolle. Wie konnte so etwas der US-Armee entgehen, wo doch ihre Gesinnungsprüfer lieber lächerlich wenig Rebellen trainieren, als sich mit möglichen Islamisten einzulassen? Nur eine Antwort ist möglich: Kein Amerikaner wird jemals den Durchblick haben können, wer von seinen syrischen Rekruten die Wahrheit sagt. Dabei wäre es in diesem Falle gar nicht mal so schwierig gewesen, vorausgesetzt US-Militärs wären tatsächlich im Stande auch nur einfachste biografische Nachforschungen in Syrien zu betreiben. «Abu Zayd, der Kommandant der 75 Mann, ist bekannt für exzellente Kontakte zur Nusra-Front», erklärte in einem Interview ein Rebellenkommandant mit Beziehungen zur Führung von Division 30 und meinte weiter: «Die ganze Familie kämpft bei der Al-Kaida.»

So viel zu moderaten Rebellen, Division 30, Neue Syrische Streitkräfte oder wie auch immer Obamas Regierung diese Woche ihre Söldner bezeichnen mögen. Ähnlichkeiten mit früheren Verstrickungen der USA mit dem islamistischen Extremismus seit Afghanistan sind – frei nach Heinrich Böll – «weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich».
Ein Bär mischt sich unter die Jäger

Für Syrien wartet schon ein Trophäen-Schild im Weissen Haus. Es würde dort sehr schön zu den anderen Siegeszeichen des Hegemon passen: Afghanistan 1989, Jugoslawien 1999, Afghanistan 2001, Irak 2003 und natürlich Libyen 2011. «Wir kamen, wir sahen, er starb», witzelte die damalige US-Aussenministerin zum Tod des libyschen Revolutionsführers und brach dann in schrilles Lachen aus.

Mit der Jagd auf ISIS als Vorwand, choreografiert Obama nun schon seit einem Jahr in Syrien einen Bombenkrieg. Da wird gezielt Infrastruktur in Schutt und Asche gelegt, während sich die Militär-Konvois der Terror-Miliz verdächtig ungestört über weite Distanzen bewegen können. Für das westliche Publikum wird im Grenzort Kobane mit dem Kurden-Volk als Sympathieträger ein medial aufgebauschter Erfolg inszeniert, während man zugleich die Bilderstürmer durch offene Wüste auf die antike Stadt Palmyra reisen lässt, was wohl demonstrieren sollte, wie schwach die syrische Regierung doch sei. Egal was und wo gebombt wird, es geht offensichtlich immer nur darum die syrische Armee als entscheidendes Element im Kampf gegen ISIS zu untergraben und dafür irgendwelche Milizen als «Bodentruppen» hoch zu stilisieren.

Für jeden Schlag, für jeden Völkerrechtsbruch in Syrien – sei es durch die USA oder durch «Partner» innerhalb dieser aufgeblasenen 60 Staaten starken Mega-Allianz – gilt die Jagd auf ISIS als vorgeschobener Grund. Seit dem 30. September jedoch, mischt sich Syriens Verbündeter Russland unter diese Jagdgesellschaft – völkerrechtlich gedeckt durch die Einladung des Völkerrechtssubjekts Syrien und mit dem erklärtem Ziel ISIS und andere Dschihadisten-Gruppen zu bekämpfen.

Schon am ersten Tag der russischen Intervention schimpfte Obamas Regierung, dass Russland in Syrien nicht nur ISIS angreifen würde, sondern auch von den USA unterstütze Rebellen. Unter den Zielen der russischen Angriffe sei mindestens eine Miliz gewesen, die vom amerikanischen Geheimdienst CIA ausgebildet wurde, berichtete die US-Zeitung ‹New York Times› mit Bezugnahme auf US-Regierungskreise. Nach einem Bericht der US-Zeitung ‹Wall Street Journal› stand eine Region im Westen Syriens im Fokus der russischen Angriffe. Diese Gegend werde aber vorwiegend von Rebellen mit Verbindung zu den Amerikanern kontrolliert, hiess es unter Berufung auf US-amerikanische Regierungsvertreter. Die ubiquitären syrischen «Aktivisten» berichteten von russischen Luftangriffen «nahe der Stadt Idlib».

«Attackiert wurden offenbar vor allem Orte, an denen nicht IS-Terroristen Stellungen halten – sondern gemässigte Assad-Gegner», schrieb am 1. Oktober auch Christoph Ehrhardt in der deutschen Zeitung ‹Frankfurter Allgemeine›. Weiter im Artikel erwähnte er die «Nordwestprovinz Idlib» und Orte «an oder in der Nähe der Autobahn, die Damaskus mit den Städten Homs und Hama verbindet». Für den öffentlich-rechtlichen deutschen Sender ‹ZDF› kamen in einem Artikel von Marcel Burkhardt «Augenzeugen» zu Worte: «Sie haben ein Massaker angerichtet», schrie schon der Titel – allerdings mit Anführungszeichen. Zwei «Lehrer» und einen «Studenten» durften im Text Erklärungen abgeben. «Es sind unsere Leute, sie kämpfen für die Ziele des syrischen Volkes – ein freies, friedliches Land ohne den Tyrannen Assad», liess das ZDF den deutschen Gebührenzahler durch einem dieser angeblichen Lehrer wissen.

Der ZDF-Redakteur Mark Ehrbrecht bot den Artikel über die Platform ‹Twitter› an. Hinsichtlich der im Artikel genannten Orte hatte ich erhebliche Zweifel an den Aussagen und wollte daher von Ehrbrecht wissen, wie seine Organisation sicher sein konnte, dass die Zeugen keine Islamisten seien. «Die Augenzeugen sind persönlich bekannt, ihre Aussagen sind glaubwürdig», war eine Antwort. Wem genau im ZDF diese Zeugen «persönlich bekannt» waren, wurde mir nicht beantwortet. Den Autor Burkhardt, der meines Wissens seit jeher nur aus Deutschland über den Krieg in Syrien schreibt, würde ich eher ausschliessen. Am Ende unserer Twitter-Konversation schaltete sich ein Namenloser hinter dem offiziellen Konto der Fernsehanstalt hinzu und antwortete: «Die Redaktionen halten sich strikt an journalistische Grundregeln der Recherche und prüfen Augenzeugen so gut es geht.» Was bedeutet «so gut es geht»? Das ZDF hakte nach und erklärte: «100% neutral sind Augenzeugen nie, da persönl. [sic] betroffen.» Wie kann jemand, der nicht «100% neutral» ist, als «glaubwürdig» gelten und als «Augenzeuge» tituliert werden? Gut gibt es Gänsefüsschen. Ob den Unterschied von subjektiven Zitaten gegenüber objektiven Berichten jeder beim Lesen – geschweige denn in einem Fernsehbeitrag – immer gleich merkt, ist eine andere Frage.

Tatsache ist, dass die bisher von Journalisten aufgeführten Orte, wo Russlands Bomben angeblich die «Falschen» erwischt haben sollen, eigentlich Gegenden sind, wo man wohlweislich Dschihadisten, einschliesslich Al-Kaida und ISIS vermuten darf.

In Idlib war Ende Mai der Al-Kaida-Ableger Nusra-Front am Siegeszug der syrischen Islamistenallianz ‹Armee der Eroberung› beteiligt. Der Erfolg des aus acht Milizen gebildeten Bündnisses wurde mit der Kooperation zwischen Saudi-Arabien und der Türkei erklärt. In arabischen Medien hiess es, Obama hätte Mitte Mai dieser Zusammenarbeit bei einem Treffen mit Führern des ‹Golf-Kooperationsrats› in der Erholungsanlage der US-Präsidenten ‹Camp David› zugestimmt. Wichtigster lokaler Bündnis-Partner ist neben der Nusra-Front auch die mächtige Miliz ‹Ahrar ash-Sham›, welche ebenfalls als Gründung der Al-Kaida gilt und in Berichten der UNO zahlreicher Menschenrechtsverletzungen bezichtigt wird. Im Dezember 2013 erklärte der damalige Führer, Hassan Aboud, dass seine Ahrar ash-Sham mit Nusra-Front, ISIS und der USA-bewaffneten ‹Freien Syrischen Armee› (FSA) arbeiten würde, da sie doch alle einen Islamischen Staat in Syrien errichten möchten. In 2014 bombardierte die US-Luftwaffe eine Gruppe der Al-Kaida, mit dem angeblichen Namen ‹Khorasan› – und zwar in der Provinz Idlib.

In Homs wird die Autobahn nach Damaskus seit September von der ‹Armee des Islam› kontrolliert. Ihr Anführer ist Zahran Alloush, welcher zugleich auch der Militärchef des Bündnisses ‹Islamische Front› ist. Alloush ist der Sohn eines Religonsgelehrten aus Saudi-Arabien. 2013 verlangte er die «Säuberung» von Damaskus von allen Alawiten und Schiiten. Bereits am 18 September erklärte die Miliz offiziell den in Syrien stationierten russischen Truppen den Krieg. Dass ISIS im Umland von Homs präsent ist, berichtete übrigens Journalist Burkhardts eigenes ZDF am 21. August mit den Worten: «Die Terrormiliz Islamischer Staat hat ein vor mehr als 1’500 Jahren gegründetes Kloster in der mittelsyrischen Provinz Homs dem Erdboden gleich gemacht.» In seinem Artikel schreibt Burkhardt: «Auch aus Rastan berichtet ein Augenzeuge heute.de [die ZDF-Nachrichtensendung] von zahlreichen Opfern heutiger Luftangriffe.» Kurz zuvor am 22. September berichtete zum Beispiel die deutsche Zeitung ‹die Welt›: «Sieben Männer seien in Rastan in der Provinz Homs im Zentrum des Landes erschossen worden …» ISIS habe die Menschen getötet, weil sie homosexuell gewesen sein sollen.

Was aber zu den eigentlichen Gruppen, die angeblich niemals ein Zeil hätten sein dürfen? Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte bereitwillig, dass sich die Angriffe nicht nur gegen ISIS richten würden. «Die Ziele würden ausgewählt in Zusammenarbeit mit dem syrischen Militär», erfuhr man vom Pressesprecher des russischen Präsidenten. Wenn westliche Journalisten Russland kritisieren, sprechen sie zwar brav von «gemässigten Assad-Gegnern», «Oppositionellen mit Verbindung zu den USA» oder «CIA-ausgebildeten Rebellen», aber sie nennen praktisch nie die Namen der Milizen, was eine seriöse Analyse erschwert. Am ersten Oktober erfährt man immerhin durch die Nachrichtenagentur ‹Reuters›, dass der Kommandeur der Rebellengruppe Liwa Suqour al-Jabal sagte, dass ihr Lager in der Provinz Idlib durch zwei russische Angriffe getroffen worden sei. Dies ist also die gleiche Berg-Falken-Miliz, die bereits im Zusammenhang mit den zur Al-Kaida übergelaufenen US-Söldnern am Rande erwähnt wurde. Gemäss Reuters hätten insgesamt drei Gruppen, «die zur Freien Syrischen Armee zählen», von russischen Luftangriffen berichtet. «Der US-Geheimdienst CIA unterstützt die Rebellen-Kämpfer, die er teils in Katar ausgebildet hat», heisst es hilfreich bei Reuters weiter.

Danach sind die Berg-Falken also ein Teil der FSA und stehen durch die CIA im Genuss der Unterstützung des US-amerikanischen Staats. Solche Meldungen machen zuerst einmal deutlich, dass trotz Obamas offiziellen Programm für garantiert «Moderate», die CIA weiterhin ihr eigenes Ausbildungs- und Bewaffnungs-Programm führt. Die Frage der FSA-Zugehörigkeit ist insofern schwierig zu beantworten, da man nicht mehr sicher sein kann, was die FSA als Dachorganisation heute eigentlich noch darstellt. Mitte November 2013 entzogen sieben mächtige Milizen der FSA-Führung das Vertrauen und schlossen sich mit bis zu 45’000 Kämpfern zur von Saudi-Arabien unterstützten Islamischen Front (IF) zusammen. Ihr Ziel: Ein strikt islamischer Staat unter Scharia-Gesetzen. Mit dem Islamismus dürften auch die Berg-Falken kaum Probleme haben, denn aufgelistet als Teil der gemeinsamen Kriegsplanung unter der Allianz ‹Aleppo Eroberung› befand sich die Miliz mindestens ab Mitte Juni in Gemeinschaft von Ahrar ash-Sham und IF. In Idlib wiederum, werden Mitglieder von dieser Aleppo-Allianz als Teil der Armee der Eroberung geführt – welche auch die syrische Al-Kaida einschliesst. Zumindest in ihrer Allianz-Politik, zeigen die Berg-Falken wenig Berührungsängste mit dem extremen Islamismus.

In einer Pressekonferenz innerhalb der UNO in New York reagierte der russische Aussenminister Sergei Lavrov auf die Frage, welche bestimmten Gruppen Russland in Syrien – ausser ISIS – sonst noch als Terroristen betrachten würde mit der Antwort: «Nun – wenn es aussieht wie ein Terrorist, wenn es sich benimmt wie ein Terrorist, wenn es rumläuft wie ein Terrorist, wenn es kämpft wie ein Terrorist – ist es ein Terrorist.» Vielleicht sollten sich manche Journalisten ihre «Zeugen» etwas genauer anschauen und sich besser informieren, für welche Gruppen in Syrien sich die Bezeichnung «gemässigte Assad-Gegner» überhaupt noch eignet. Frei nach Peter Hacks möchte ich so manchem Journalisten gerne zurufen: «Pfui Teufel, in was für Gesellschaft du dich herumtreibst.»
Die ewige Wiederkunft des Gleichen

«Es gibt keine gemässigten Rebellen mehr», erklärte der Journalist Jürgen Todenhöfer bereits am 3. Mai 2013 in der Frankfurter Allgemeinen. «Der Westen hat keine Partner in Syrien», lamentierte etwas später am 26. September die deutsche ‹Zeit›. «Syrische Rebellen-Armee FSA löst sich auf», meldete schliesslich das ‹Handelsblatt› am 12. Dezember. Der «moderate Aufständischen-General» habe ins sichere Ausland fliehen müssen, weil die islamistische Konkurrenz sein Hauptquartier nahe der türkischen Grenze erstürmt hätte. Kämpfer der IF und der syrischen Al-Kaida schnappten sich dabei Tonnen von Waffen und Munition – unlängst geliefert vom Westen. Die USA stellten ihre Unterstützung für den offensichtlichen Verlierer umgehend ein.

Dass diese FSA viel Verständnis für Al-Kaida und ISIS aufbringen könnte, war seit 2013 bekannt. Damals, im Januar, gab ein FSA-Kommandant Oberst Abdul Jabbar al-Okaidi einem Online-Videokanal der syrischen Opposition ein Interview und zeigte sich verständnislos darüber, dass die Nusra-Front im Westen als Terrorgruppe klassifiziert sei. «Sie [die Nusra-Front] haben kein abnormales Benehmen gezeigt, dass unterschiedlich von dem der FSA wäre», erklärte er. Am 8. August erwähnte die New York Times ein Video worin sich, nach gemeinsamer, erfolgreicher Einnahme des Luftwaffenstützpunkts Menagh, FSAs Okaidi und der ISIS-Kommandant Abu Jandal gegenseitig gratulieren. In einem Interview mit der in Dubai basierten «syrischen» Medien-Gruppe ‹Orient News›, machte Okaidi am 14. November weitere aufschlussreiche Aussagen. Auf die Frage, wie seine Beziehungen mit ISIS wären, sagte dieser hohe Offizier der von den USA bewaffneten Milizen-Dachorganisation, dass er mit den «Brüdern» im Islamischen Staat jeden Tag kommuniziere. «Medien übertreiben die Dinge», meinte er weiter und verharmloste die zahllosen Gräueltaten von ISIS mit den Worten, «wer arbeitet macht auch Fehler».

Die FSA war in 2015 nicht nur eine totgesagte Organisation, sondern zu diesem Zeitpunkt offensichtlich auch für US-Planer inzwischen inakzeptabel. Statt die Marke FSA mit direkter Unterstützung der USA wieder zu beleben, wurde entschieden Obamas halbe Milliarde US-Dollar in ein völlig neues Programm mit einem neuen Markennamen (zuerst Division 30 und dann NSF) zu stecken. Dieses Programm ist bis jetzt gescheitert, vor allem weil US-Militärs unter strickten Vorgaben unfähig waren «moderate» Kämpfer zu finden. Das alleine sollte aufhorchen lassen.

Gibt es das in Syrien? Menschen, die für die Fantasie einmal alle paar Jahre an der Wahlurne als Bürger eine Rolle zu spielen zum Äussersten bereit sind? Menschen, die für das vage Konzept westlicher Werte sterben würden? Wie moderat oder gemässigt ist es, für hehre Werte die Familie zu opfern und die Heimat zu zerstören? Sah man auf Rebellen-Kundgebungen in Syrien jemals Symbole eines echten politischen Diskurses? Wie viele Hinweise brauchen Journalisten noch, bis sie den offensichtlichen Fanatismus endlich korrekt als religiös einordnen?

Gibt es in Syrien wirklich Moderate oder Gemässigte? Eine FSA-Miliz also – die anzugreifen «falsch» wäre? Seit Russland involviert ist, scheint die FSA auferstanden zu sein. Rebellen-Milizen mit Sprüchen aus dem heiligen Koran auf ihren Logos und in ihren Propaganda-Videos ein Schrei bei jedem abgefeuerten Schuss, dass Gott gross ist, dürfen mit medialer Unterstützung von – im besten Fall – uninformierten Journalisten jetzt laut #JeSuisFSA jammern. Bei solch einer Wiederkunft sollte man allerdings – frei nach Friedrich Nietzsche – auch ganz einfach feststellen: «Und nur wo Gräber sind, gibt es Auferstehungen.»

Dominic H auf Twitter: @domihol

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Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

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