Notizen zum Attentat am 10. Oktober 2015 in Ankara

Ich setze voraus, dass die wichtigsten Fakten zu diesem grausigen Massaker den Lesern dieses Artikels bereits bekannt sind.

Es geht um die Frage, wer für dieses Massaker, für das es bislang noch keine Bekenner gibt, verantwortlich ist. In den Bereich der Fabeln politischer Propaganda verweise ich von vornherein Äußerungen türkischer Regierungsvertreter, wonach die PKK oder eine linksradikale türkische Organisation den Anschlag durchgeführt hätte.

Aus meiner Sicht ist klar, dass der „tiefe Staat“ der Türkei diesen Anschlag durchgeführt hat, unter welcher Flagge auch immer. Näheres zum Begriff „Tiefer Staat“ siehe hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Tiefer_Staat

Inwieweit die Erdogan-Regierung selbst von dem Anschlag wusste oder in ihn involviert war, ist aus meiner Sicht zweitrangig: kann sein, kann auch nicht sein. Der „Tiefe Staat“ existiert und verfolgt auch seine Interessen, ob mit oder ohne Erdogan und seine AKP.
Angriffsziel dieses Anschlages war aus meiner Sicht in erster Linie die HDP, in zweiter Linie die Arbeiterbewegung in der Türkei.

Seit die PKK ihre Linie des „demokratischen Konföderalismus“ verfolgt, ist sie für den Tiefen Staat mehr als nur ein militärischer Gegner geworden, durch die faktische Unterstützung der HDP durch die PKK droht sich letztere mit nicht-kurdischen Teilen der türkischen Linken und der Arbeiterbewegung zu alliieren.

Hinzu kommt noch ein wichtiger militärischer Faktor. Durch die erfolgreiche Schlacht um Kobane (Nordsyrien) dieses Jahr, wo die der PKK nahestehende YPG sich gegen die Truppen des „Islamischen Staates“ durchsetzte, haben die Interessen des „Tiefen Staates“ schweren Schaden erlitten. Der „Islamische Staat“ zählte neben der us-amerikanischen CIA, Saudi-Arabien und den Golfmoarchien auch den Tiefen Staat zu seinen entscheidenden Förderern. Das Eingreifen der russischen Luftwaffe in den „syrischen Bürgerkrieg“, der de facto ein ausländischer Interventionskrieg der „westlichen Wertegemeinschaft“ zuzüglich Saudi-Arabiens/Israels/Katars/Türkei ist, droht das militärische Kräfteverhältnis in diesem Krieg entscheidend zu verändern. Da sich in diesem Krieg bereits (zwingend) eine Achse Damaskus-Bagdad-YPG-Russland abzuzeichnen beginnt, könnte der Krieg in Syrien damit enden, dass ein autonomes Rojava die Südgrenze der Türkei bildet. Denn ein autonomes Rojava wird nach der Zerschlagung des Islamischen Staates und der (schlimmeren) Al Nusra im nördlichen Syrien die Folge sein, mit der auch Damaskus einverstanden sein müsste, weil nur eine konföderative Lösung für ein gesamtes geeintes Nachkriegs-Syrien in Frage kommt. Für Syrien gilt, dass eine Rückkehr zum autoritären Regime vor 2011 kaum in Frage kommt. Wenn Damaskus oppositionelle Bevölkerungsgruppen in Syrien wirklich nachhaltig von den ausländischen Interventionstruppen unter den falschen Flaggen von IS, Al Nusra etc. wirklich lösen, muss es diesen eine konföderative Lösung unter Wahrung von Minoritätsrechten anbieten, und ich halte die Regierung in Damaskus für intelligent genug, dies auch zu erkennen.

Im Ergebnis käme also ein autonomes Rojava an der Südgrenze der Türkei heraus und nicht, wie gewünscht, ein sektiererischer „Islamischer Staat“ unter der diskreten Kontrolle unter anderem des Tiefen Staates der Türkei.

Von daher macht der Anschlag von Ankara als politisch-militärischer Präventivkrieg gegen die Oppositionsbewegung in der Türkei vor dem Hintergrund der aktuellen militärischen Entwicklungen in Syrien einen grausigen Sinn.

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Notizen zum Attentat am 10. Oktober 2015 in Ankara

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s