So mordete der sowjetische Geheimdienst in Barcelona – der Fall Orlow

Aus dem Inhalt des empfohlenen Artikels:

Der Fall Orlow

Inzwischen ist bekannt, dass eine ganze Reihe von linken Oppositionellen auf der Todesliste dieses Geheimdienstprofis stand. War Orlow also Stalins Terminator in Spanien? Nein, sagt der russische Historiker Boris Volodarsky, er sei bloss ein durchschnittlicher Agent gewesen. Aber er war der Kopf des NKWD in Spanien. Volodarsky hat vor kurzem das bisher umfassendste Buch über Stalins geheime Operationen im spanischen Untergrund publiziert. Es heisst «El caso Orlov» (Der Fall Orlow) und dürfte bald zu einem Referenzwerk avancieren – weil es eines der dunkelsten und umstrittensten Kapitel des 20. Jahrhunderts erhellt.

Welche Macht hatte der sowjetische Geheimdienst in Spanien? Hat er Hunderte von Linken auf dem Gewissen? Lenkte er gar heimlich die Politik der spanischen Republik? Solche Fragen treiben HistorikerInnen seit Jahrzehnten um. Die Antworten waren und sind schwierig, weil viele Akten – insbesondere in Moskau – immer noch unter Verschluss sind. Dank Volodarsky weiss man heute mehr.

http://www.woz.ch/-4a3d

Wer war Orlow? Orlow war ein Agent des stalinistischen Regimes in den 30er Jahren, der ein führender Mitarbeiter des sowjetischen NKWD war und im republikanischen Spanien die Maßnahmen zur Unterdrückung der anarchosyndikalistischen, linkssozialistischen und trotzkistischen Opposition gegen die Volksfrontregierung leitete. Er lief 1938 in die USA über. Besonders bemerkenswert ist diese Person deswegen:

1956 schrieb Orlow im Life Magazine den Artikel The Sensational Secret Behind the Damnation of Stalin (Das sensationelle Geheimnis hinter der Verurteilung Stalins). Die Geschichte erzählt, dass NKWD-Agenten in zaristischen Archiven Unterlagen fanden, die bewiesen, dass Stalin früher Agent der Ochrana war. Auf Basis dieses Wissens hätte der NKWD den Sturz Stalins mit Hilfe von Führern der Roten Armee geplant. Stalins Entdeckung dieses Plans hätte dann zum Geheimprozess gegen Tuchatschewski und zur Liquidation vieler Offiziere der Roten Armee kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges geführt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Michailowitsch_Orlow

Der Frage, ob Stalin (angeblich bis 1913) Informand und mithin Spitzel der zaristischen Geheimpolizei Ochrana war, bin ich schon länger auf der Spur und sammle dazu Links und Quellen. Laut Orlow war der Hintergrund der monströsen stalinistischen „Säuberungskampagnen“ 1936-1939 der Umstand, dass Kreise innerhalb des sowjetischen Militärs und des Parteiapparates in den Besitz von Beweisen gekommen waren, die das belegten. Die grotesken Details des Ablaufes dieser Säuberungen, denen nicht nur fast 80-90% der „alten Garde“ der Bolschewiki zum Opfer fielen, sondern in deren Verlauf auf regelmässig die Helfer und Henker der einen Säuberungswelle auch jeweils zeitnah die Opfer der nächsten wurden, machen aus meiner Sicht diese Theorie sehr wahrscheinlich. Sie machen Stalins Vorgehen, der nicht genau wissen konnte, wer genau im Besitz dieser Beweise war und auf seine Entmachtung lauerte, sehr rational und plausibel: ganze Schichten und generationen von kommunistischen Kadern in Partei und Armee wurden summarisch liquidiert. Und da die dauerhafte Loyalität der jeweiligen Henker auch nicht verläßlich war, wurden diese eben in der nächsten Säuberungswelle selbst liquidiert (schönes Beispiel der Job des Leiters des Geheimdienstes: zuerst Jagoda, dann Jeschow, dann Berija, wobei jeweils der Nachfolger den Vorgänger im Auftrag Stalins liquidierte).

Voroshilov,_Molotov,_Stalin,_with_Nikolai_Yezhov

The_Commissar_Vanishes_2

„Damnatio memoriae“ für den Henker  Nikolai Jeschow
Oben: Nikolai Jeschow befindet sich zusammen mit Stalin und Molotow am Ufer des Moskwa-Wolga-Kanals. (Originale Fotografie, Sommer 1937)
Unten: Nach der Verhaftung Jeschows wurde das Bild so retuschiert, dass kein Hinweis auf die Anwesenheit des Volkskommissars erkennbar ist.

Die Verbürokratisierung der Sowjetunion war aufgrund der Isolierung der Revolution sicherlich unvermeidlich, aber die Säuberungswellen speziell gegen das sowjetische Militär enthaupteten die siegreiche Revolutionsarmee förmlich, so dass die deutsche Wehrmacht bei ihrem Überfall 1941 zunächst militärisch leichtes Spiel hatte.

Für die konterrevolutionäre Propagandamaschinerie des Kapitalismus waren die Exzesse natürlich ein gefundenes Fressen, eine Gratis-Vorlage zur Verankerung des Mems, das ungefähr so lautet: „sozialistische Revolution führt zwangsläufig zu Terrorregimen vom Typus Stalinismus“, ein Mem, das erfolgreich in die Köpfe von Millionen und Abermillionen Menschen immer wieder eingehämmert worden ist und das bis heute wirksam ist.

Ich erinnere mich noch gut an eine persönliche Diskussion mit einem Kollegen, der sehr sehr systemkritisch war (sogar mal als Steinewerfer auf einer 1.Mai-Demo aktiv war), bei der Frage nach Alternativen zum herrschenden formal-demokratischen bürgerlichen Systems heftig und fast anfallsartig mit der Aussage reagierte, dass er ein „kommunistisches System“ (er meinte eindeutig Systeme vom stalinistischen Einparteien-Typus) auf gar keinen Fall wolle und da sogar den existenierenden Kapitalismus vorziehen würde.

An anderer Stelle habe ich schon aufgewiesen, dass der Kommunismus, wie ihn Marx und Engels verstanden, das glatte Gegenteil von Staatssystemen des stalinistischen Typs ist. Um so wichtiger ist es für sozialistische Historiker, die Ursachen und Bewegungsgesetze des fast schon vollständig untergegangenen Stalinismus herauszuarbeiten, um diesen Systemtypus zu verstehen.

Nach meiner Einschätzung, die ich hier ja schon mal andeuten kann, war der Stalinismus ein Tribut an die barbarische Vergangenheit Russlands, und nicht etwa ein Ausdruck einer lebenswerten Zukunft. Dafür würde auch der Umstand sprechen – sofern diese These richtig ist -, dass Stalins Exzesse bei der Ausrottung der „alten Garde“ der Bolschewiki vor allem seine eigene Aufdeckung als ehemaligen Informand der Ochrana unterbinden sollte, also ein sehr persönliches und sehr spezifisches Problem. Sowjetrussland war eine ab 1924 zügig degenerierende Räterepublik, deren Überbau ebenso zügig von den Gespenstern der Vergangenheit überwuchert wurden.

Demgegenüber gilt es die Traditionen des authentischen an einer Räterepublik orientierten revolutionären Orientierung nicht nur zu bewahren, sondern massiv ins Bewusstsein zu bringen.

Ich bin in der Angelegenheit der Frage, ob Stalin ein Informand der Ochrana war, weiter am Forschen.

(Beitragsfoto und alle anderen Fotos übernommen aus de.wikipedia.org)

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