Die Person Bashar al Assads kann kein Kompass für Antiimperialisten sein

Ist Bashar al Assad eine Art „Kompass“ für Antiimperialisten, was wohl bedeuten soll, dass alles, was die gegenwärtige syrische Regierung macht und tut, „gut“ ist, und wer – in welcher Form auch immer – der syrischen Regierung kritisch gegenüber steht, kein Antiimperialist sei? Insgesamt betrachtet ist es dem transatlantischen Imperialismus wohl gelungen, die Linke zu spalten in der syrischen Frage. Eine wirklich und wahrhaft marxistische Position im Rahmen all der Verwirrspiele durch diverse „verdeckten Operationen“ im Rahmen der Doktrin der „glaubhaften Abstreitbarkeit“ zu behalten erscheint als gar nicht so leicht. Quasi als unreflektierte Gegenreaktion erfolgt von anderer Seite gleichzeitig eine Glorifizierung der Assad-Regierung.
Mein Standpunkt ist der, dass Syrien auf jeden Fall gegen die imperialistische Intervention, die unter der falschen Flagge von „moderaten Rebellen“ einerseits und dämonisiertem (und real auch dämonischen) „Islamischen Staat“ durchgeführt wird, verteidigt werden muss, publizistisch und militärisch. Eine ganz andere Frage ist die, ob das die Identifikation mit dem syrischen Baath-Regime mit sich bringen muss.

In der letzten Zeit musste ich mich vor allem mit Positionen beschäftigen, die die Aufstandsbewegung gegen die Assad-Regierung 2011 unkritisch begrüßte und sie insgesamt inklusive bewaffnetem Aufstand zu einer „demokratischen“ verklärte. Die gleichen Kräfte hatten auch den Sturz Gaddafis 2013 durch Söldnertruppen unter dem Banner von „Al Qaida“ begrüßt, im extremsten Fall sogar als „Sieg der Volksmilizen“ in Libyen. Was Syrien ab 2011 angeht, so wurde und wird von dieser Seite hauptsächlich die „Freie Syrische Armee“ zum Objekt der Verklärung erhoben, nicht eingedenk der Tatsache, dass diese außerordentlich heterogene militärische Kraft letzten Endes nichts anderes als ein Firmenschild ist, an das sich die massiven Waffenlieferungen der „westlichen Wertegemeinschaft“ richteten und die dann nachweislich in die Hände des terroristischen „Islamischen Staates“ gelangten. Was nicht ausschließt, dass es unter der FSA-Fahne stehenden Gruppen auch durchaus noch solche geben kann, die gegen den Terrorismus von „Al Nusra“ und IS kämpfen (auch wenn es sich dabei um sehr marginale und versprengte Kräfte handelt).

Hier im folgenden setze ich mich aber im folgenden mit der Position von Assad – Verehrern auseinander und nutze die Gelegenheit, um aufgrund einer Diskussion in facebook meinen – aus meiner Sicht strikt marxistischen – Standpunkt auszuformulieren.

In einer Facebook-Gruppe kam es zu folgendem Posting:

Es ist gut, daß die YPG jetzt zumindest zu größten Teilen auf der richtigen Seite kämpft… aber man darf nie vergessen, daß kurdische Loyalität seit jeher gekaufte Loyalität ist. Sie kämpfen jetzt an der Seite Syriens und Rußlands, weil Moskau Geld und Waffen schickt. Wenn es der YPG opportun erschient, wird sie sich wieder mit den USA und den Kopfabschneidern von der FSA verbünden, wie sie es bis 2014 schon taten. Vertrauen kann man in Syrien nur den Parteien, die die Regierung bilden: Den Baathisten, Kommunisten und einigen anderen. Für Antiimperialisten ist daher Bashar al Assad der Kompaß, nicht Kobane.

Abgesehen davon, dass diese Stellungnahme „die Kurden“ unter einen Generalverdacht der „Illoyalität“ stellt (was sicher den Beifall eines Erdogan finden dürfte), ist hier ein Standort klar formuliert: „Für Antiimperialisten ist daher Bashar al Assad der Kompaß, nicht Kobane.“ Kobane, eine umkämpfte von Kurden besiedelte Stadt in Nordsyrien, steht hier gewissermassen für eine Parteinahme für die Selbstverteidigungstruppen der syrischen Truppen, der YPG.

Interessant, aber letztlich falsch, fand ich auch folgenden Kommentar zu der Frage:

Wer in einem Gebiet, was unter großer imperialistischer Gefahr ist, Auflösung vorhandener Nationalstaaten fordert, kann kein Antiimperialist sein.

Gemeinsamer Kampfverband vom Kurden, syrischen Christen, Assyrern usw. in Nordsyrien.
Foto von ishtartv.com. Es zeigt eine gemeinsame Kampfeinheit von YPG, assyrischer und christlicher Miliz in Nordsyrien.

Ich formulierte dazu folgenden Kommentar:

1. Eine Person (die ich im übrigen nur für ein Aushängeschild, eine Symbolfigur halte, nicht für einen „Tyrannen“) zum „Kompass der Antiimperialisten“ zu ernennen (zwecks „Einnordung“?) ist außerhalb jeglicher marxistischer Geleise. Bezugspunkt („Kompass“) für Marxisten, die immer auch Antiimperialisten sind, kann nur das Klasseninteresse des Proletariats sein. Dieses hat derzeit keinen direkten politischen Ausdruck in der Region, was es möglich macht, dass irgendwelche kleinbürgerlichen Führungen klassenunspezifisch zu „Führern des Volkes“ verklärt werden, was sowohl bei der Person Assads als auch der Öczalans der Fall ist. Wobei das Baath-Regime – nur nebenbei bemerkt – seiner Anfälligkeit für eine ausländische verdeckte Intervention nach Kräften selbst Vorschub leistete in der Vergangenheit, was die CIA eiskalt einkalkulierte („Assad-Regierung zu Überreaktionen bewegen…“)

2. Es ist Ausdruck nichtmarxistischen, sondern vielmehr „völkischen“ Denkens, eine Ethnie (hier die Kurden) zu einer Art völkerrechtlichen Subjekt zu erklären, das in seiner Gesamtheit „“illoyal“ oder „loyal“ wäre (wem gegenüber eigentlich?). Ich verurteile entschieden die Verteufelung „der Kurden“, die hier vorgenommen wird. Dies gilt auch für jede andere Ethnie in der Region (und das sind alle, die sich selbst so verstehen).

3. Die Kurden als Ethnie sind eine unterdrückte Nation, allerdings nicht die einzige in diesem Flickenteppich sehr vieler quasiethnischen Volksgruppen der Region Türkei-Syrien-Irak-arabische Halbinsel. Allein in der Türkei gibt es andere unterdrückte Minoritäten (assyrische Araber, Armenier, Lasen). Für die Levante ist festzuhalten, dass es dort eine ganze Menge Minoritäten gibt, darunter auch solche, die „quasi-ethnischen“ Charakter haben. Darauf basiert im übrigen auch der Religionsproporz des recht eigentümlichen libanesischen Staatssystems.

4. Den Nationalstaat zum „Bollwerk“ gegen die kapitalistische Globalisierung zu erklären, das gibt es auch in Deutschland. Jürgen Elsässer macht das beispielsweise. Es ist hier wie dort falsch. Aber dort (Orient) ist es insofern um so falscher, weil die Grenzziehungen dort durch europäische Imperialisten vorgenommen wurden. Heute ist es dagegen Strategie des transatlantischen Imperialismus, die Ethnien und Quasi-Ethnien innerhalb der Region gegeneinander aufzubringen (inklusive der Schaffung eines sunnitischen „Islamischen Staats“), weswegen eine antiimperialistische Politik genau dagegen ausgerichtet sein muss.

5. Eine ganz andere Sache ist es, als Marxist und Antiimperialist gegen jede imperialistische Intervention auch gegen das fragwürdige Konstrukt eines Nationalstaates wie Irak, Syrien, Jordanien usw. Stellung zu beziehen, und zwar unabhängig davon, ob diese Intervention offen oder verdeckt geschieht. (Irak 1991-2003, Syrien 2005-2015, Jemen 2014-2015).

6. Kriege haben andere Dynamiken als politische Kämpfe, auch wenn Kriege letztlich die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln ist. In der aktuellen Kriegssituation ist die Vereitelung der imperialistischen Intervention, deren Drahtzieher der transatlantische Imperialismus ist, die Pflicht eines jeden Antiimperialisten. Dies macht eine breite militärische Front gegen die Speerspitze dieser Intervention bei Strafe des eigenen Untergangs für verschiedene Kriegsparteien notwendig, konkret die militärische Achse Russland – Baath/Srien – YPG – Irak – Iran, die tatsächlich in Herausbildung befindlich ist, aber die durchaus einige innere Widersprüche hat.
Nebenbei bemerkt ist das syrische Baath-Regime da längst klüger als seine Apologeten und hat seit 2012 seine rücksichtslose Arabisierungspolitik etwa gegenüber den Kurden, die hunderttausende Menschen damals staatenlos machte, aufgegeben.

7. Eine sozialistische demokratische Kon-Föderation ist für die gesamte Region letztlich als Lösung unvermeidlich, weil jede künstliche Konstruktion eines „Nationalstaats“ in der Region nur wieder zur Unterdrückung, zu ethnischen Konflikten führen wird, die dann wieder vom Imperialismus ausgenutzt werden können. Diese sozialistische demokratische Konföderation muss konkret auf der Vergesellschaftung der Ölvorkommen zugunsten aller beteiligten Volksgruppen basieren.
(Eine könföderative Lösung aber ohne Sozialismus schlägt etwa seit langem schon die SSNP vor, die als Angehörige Groß-Syriens alle Einwohner der Region ohne Rücksicht auf Religion oder Ethnie vorsieht; was – unabhängig von der durchaus kontroversen Einschätzung der SSNP – nur zeigt, dass eine konföderative Lösung ohne Rücksicht auf Ethnie oder Religion naheliegt).


Im Kampf gefallene Militante der SSNP im Libanon.
Eine im Kampf gefallende Militante der SSNP im Libanon.

Meine Erwähnung der SSNP – die hierzulande fast völlig unbekannt ist – führte zu folgendem Kommentar einer anderen Person, die umgekehrt die (durchaus kritische) Unterstützung der YPG präferiert. Zwischen Damaskus und der YPG gab es in der Vergangenheit durchaus Spannungen und sogar Kämpfe. Ich habe bei der entsprechenden Person nachgefragt, ob ich seine Beiträge (die ich für durchaus konstruktiv halte), mit Angabe des facebook-Namens hier angeben kann, habe aber noch keine Antwort darauf erhalten. Deswegen bezeichne ich die Antworten meines Gesprächspartner mit dem Namen M.

Pedro Kreye s Beitrag ist sehr lesenswert.Aber das er ernsthaft die Faschistenpartei Syrische Sozial Nationalisten da ernsthaft als zu unterstützenden Organisation auch nur in Betracht zieht,ist mir absolut unverständlich… https://de.wikipedia.org/…/Syrische_Sozial…

Daraus entwickelte sich eine (aus meiner Sicht durchaus angenehm sachliche) Sub-Diskussion, die ich deshalb vollständig wiedergeben will, weil es mir in dem Rahmen durchaus gelang, meine Position in ihrer Differenziertheit darzustellen (dazu sind wirklich produktive Diskussionen in facebook tatsächlich manchmal gut). (Tippfehler beider Beteiligter wurden stillschweigend korrigiert).

Meine Richtigstellung zur SSNP:

Pedro Kreye Abgesehen davon, dass ich die SSNP nicht als Faschistenpartei einordne (sie hat faschistische Ursprünge in den 30er Jahren, gewiß), habe ich mich NICHT für die Unterstützung der SSNP ausgesprochen. Das zur Klarstellung. Die SSNP diente mir nur als Beleg dafür, dass es in der Region ein Bewusstsein dafür gibt, dass die Interessen einer einzelnen Ethnie in diesem Flickenteppich von Ethnien nicht konstruktiv sein kann. Die SSNP bezieht sich auf ihren Begriff von „Groß-Syrien“ auf die geographische Region, und eben NICHT auf eine „Nationalität“, Ethnie oder Religionsgruppe. Da es aber dezidiert keine sozialistische oder sich auf die Arbeiterklasse beziehende Partei ist, unterstütze ich sie auch in keiner Weise. Diese Differenzierung muss schon sein in dem – mit Verlaub – versauten Diskussionsklima in dieser Gruppe hier.

Antwort M:

Das Diskussionsklima hätte ich versaut,wenn ich jetzt den Zirkelschluß Trotzkist=Faschistenunterstützer angebracht hätte…das habe ich nicht. Die SSNP grüßen mit dem gestreckten Arm und sind stark antikommunistisch und sind eher mit dem italienischen Faschismus vergleichbar….zur Diskussionskultur, man muß sich hier nicht mit jedem unterhalten…manche Gesprächspartner tue ich mir auch nicht an…und mancher ist auch ermüdend – wie C’s tägliche Pro Assad Predigen und sein YPG Kurden Bashing……ist mir dann auch nach dem xten Mal zu arm

M bezieht sich auf C, der die Person Assads zum „Kompass für alle Antiimperialisten“ erklärte und „die Kurden“ unter den Generalverdacht der „Illoyalität“ stellt.

Pedro Kreye an M:

Ich hatte auch nicht explizit dich angesprochen, M. In einer Region, wo die klasseninteressen des Proletariats KEINEN dezidierten Ausdruck haben, sondern vielfach zersplittert und insofern auch verzerrt zum Ausdruck kommen, ist eben Differenzierung angesagt. Und hier von einem marxistischen Standpunkt aus differenziert zu analysieren und das auch zu formulieren, sehe ich als wirklich schwer an, weil einem ständig Positionen unterstellt werden, die ich gar nicht einnehme

Die SSNP ist nach meiner Einschätzung Ausdruck eines Teils des levatinischen Kleinbürgertums und explizit nichtproletarisch. Sie stützt sich vor allem auf christliche Bevölkerungsteile und ist aufgrund dessen an keiner arabisch-nationalistischen oder sunnitisch-islamischen „Ein-Nordung“ interessiert. Konkret kämpft die SSNP mit eigenen Milizen an der Seite der Regierungstruppen gegen die islamistischen Terroristen. Indem ich dies feststelle, unterstütze ich nicht etwa die Programmatik der SSNP, sondern weise nur darauf hin, dass es das gibt. Im übrigen ist aus meiner Sicht wichtig, nicht nur die Ideologie einer Partei oder Organisation zum Kriterium ihres Verhaltens zu machen, sondern auch das konkrete Verhalten.

Was vom Faschismus inspirierte Organisationen angeht, so möchte ich darauf verweisen, dass es auch mal in Chile eine (kleinbürgerliche) „nationalsozialistische“ Partei gab, die sich aufgrund der politischen und geostrategischen Situation zeitweise sehr antiimperialistisch entwickelte. Ich hoffe, ich muss nicht nochmal wortreich erklären, dass die Konstatierung eines solchen Sachverhaltes keine Unterstützung nationalsozialistischer Positionen bedeutet.

Antworten von M dazu:

Da stimme ich Dir vollkommen zu. Mich erinnert de SSNP an die Falange Faschisten im Libanon. Gelten als „Christen“ aber solche Bewegungen haben mit Christentum und Bibel genausoviel zu tun wie Eskimos mit Pyramidenbauen in Ägypten.

Ja, in Südamerika gab und gib es einige Adolf Hitler Fanclubs. Damals auch inspiriert und unterstützt durch den Bund in USA.https://de.wikipedia.org/wiki/Amerikadeutscher_Bund

Die Frage der Ähnlichkeit von libanesischer Falange und der mit dieser verfeindeten SSNP ist durchaus interessant. Beide bezogen sich bei ihren Gründungen positiv auf den deutschen Nationalsozialismus.

Meine Antwort:

Die Ähnlichkeit der SSNP mit der libanesischen Falange ist nicht zufällig. Im gesamten arabischen Raum genoss der deutsche Nationalsozialismus im Kleinbürgertum viele Sympathien und es kam zur Gründung vieler nazi-ähnlicher Parteien. Allerdings ist die Situation des Kleinbürgertums im arabischen Raum ganz einfach anders als die des deutschen Kleinbürgertums 1933 (das die Masse der NSDAP-Anhänger stellte).

M ging folgendermassen auf meinen Hinweis ein:

Ja, im arabischen Raum vermute ich mal, daß die Symphathie mit dem NS hauptsächlich davon getragen wurde, daß man die britischen und französischen Kolonialherren loswerden wollte. Während in Südamerika damals die weißen Spanier und Portugiesen und deren Nachfahren sich eh den Indianern und anderen Farbigen rassisch überlegen fühlten.

 Antworten Pedro Kreye:

Ich erinnere an an ein anderes, aktuelles Beispiel: al-Husseini. Auch im palästinensichen Kleinbürgertum gab es Smpathien für die Nazis. Und zwar (undifferenziert) deswegen, weil die Nazis scheinbar „gegen“ die herrschenden Besatzungsmachte Frankreich und Großbritannien waren.

 Im indischen Kleinbürgertum gab es übrigens aus purer Englandfeindlichkeit auch große Sympathien für Hitler und die NSDAP. Das ist selbst heute teilweise noch feststellbar.
Dazu antwortete M:
Die haben sich alle darauf geeinigt,daß die britischen Juden die schlimmsten Juden sind ;o)
das stimmt schon. Aber mit faschistischen Bewegungen sollte es keine Zusammenarbeit geben. Selbstverständlich wird die Kompradorenbourgeosie mit ausgebeutet. Aber die sich befreien wollenden Massen kämpfen nicht dafür den einen gegen den anderen Ausbeuter zu tauschen.
Ich warf dann folgende Frage auf:

Konkret arbeiten sowohl YPG als auch Assad-Regierung mit der SSNP militärisch zusammen. Was nun? Die SSNP-Kämpfer auffordern, zum IS überzutreten?

M antwortete  darauf:
die YPG sind keine ML Organisation und Antiimperialismus kann seltsame Blüten in der Not hervorbringen. So zB haben in Frankreich auch die Gaulle Anhänger gegen die Nazisgekämpft…später hatten sie ihre Massaker und Kriege in Algerien und wurden a noch reaktionärer…..am Besten fragen wir mal Lügen-Jutti was wir da machen können, da wir mit unserem Latein am Ende sind und sie uns mit ihren Hebräisch weiterhelfen könnte ;o)
Der Verweis auf die Gaullisten ist durchaus interessant, denn die Gaullisten waren die letzten Repräsentanten einer von den USA unabhängigen bürgerlich-nationalistischen Politik der Bourgeosie in Frankreich. DeGaulle zog auch Frankreich zeitweise aus der NATO operativ heraus und beendete den für die französische Bourgeosie lästig gewordenen Kolonialkrieg in Algerien. De facto wurde der Gaullismus in Frankreich durch transatlantische Seilschaften etwa im Gefolge eines Sarkozy vernichtet. Aber all das würde zu weit führen, um darüber zu debattieren und ich entschied mich, beim Thema des Krieges in Syrien und Irak zu bleiben. Mir ging es darum, darauf aufmerksam zu machen, dass Kriege – so schrecklich sie sind – auch Ergebnisse mit sich bringen können, die von den Drahtziehern gar nicht gewollt waren.
Meine Antwort zu M:
„Antiimperialismus kann seltsame Blüten in der Not hervorbringen“ Eben. Ich erinnere daran, dass der amerikanische Sezessionskrieg nicht etwa mit einer hehren Absicht der Nordstaaten begann, die Sklaverei im Süden abzuschaffen, sondern mit der eigentlich eher fragwürdigen Absicht, die Union für ewig unteilbar zu erklären. Die konkrete Dynamik des Krieges führte aber dazu, dass die Sklaverei (NICHT der Rassismus, klar) endgültig in der Geschichte der Menschheit abgeschafft wurde. Ich gehe im Fall Syrien-Irak auch davon aus, dass die Dynamik des Krieges noch mancherlei Überraschungen hervorbringen kann.
Das ist übrigens ein beinhart marxistischer Standpunkt, wenn ich an die Haltung von Marx/Engels etwa zum deutschen Krieg 1866 oder zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 erinnern darf.
Das heißt konkret: ich finde die militärische Allianz Russland – Damaskus/Baath-Regime – Bagdad/Dawa-Regime – YPG – SSNP (überspitzt) gut, weil sie eine Dynamik dieses Krieges erzeugt, der durchaus auch positives hervorbringen kann: nämlich die Ausschaltung des transatlantischen Imperialismus und eine Neuorientierung aller politischen Kräfte in der Region abzüglich des islamistischen Faschismus.
Durchaus interessante Erwiderung von M:
 Ja, da scheinste Recht zu haben. Unwohl fühlt man sich bei solchen Bündnissen wie zB die chinesischen Genossen mit den Nationalisten Tschiang Kai Tschek und seiner Kuomingtang….oder im Iran mit den Islamistenayatollah gegen den Schah….also auch mehr Gründe für mich solche Bündnisse nicht zu begrüßen und eher zu meiden
Die Frage ist wirklich von großer Tragweite. Denn in beiden von M genannten Fällen wurden Kräfte, die zuerst für antiimperialistisch gehalten wurden, zu Schlächtern der linken Kräfte und Arbeiterorganisationen in ihrem Land. Grundsätzlich war das übrigens in der Vergangenheit auch beim Baath-Regime in Damaskus der Fall, das auch die eigene kommunistisch ausgerichtete Opposition unterdrückte und das sich seit 2012 neu orientieren muss, was grundsätzlich einer Arbeiteropposition in Syrien auch die Chance einer Formierung geben könnte.
Ich ging auf die beiden Beispiele von M folgendermassen ein:
Genau das erfordert Differenzierung. Um bei deinen Beispielen zu bleiben: richtig war in China auf jeden Fall ein militärischer Block gegen die japanische Intervention. Falsch war in jedem Fall die Unterordnung unter die Kuomintang, zu der die KPC gezwungen wurde und die sich auch zeitweise tatsächlich zwingen ließ (Massaker gegen die Arbeiterbewegung in Südchina), bis die Dynamik des Krieges das Showdown mit Tschiang Kai Tschek unvermeidlich machte.
Auch die politische Unterordnung unter Khomenei war ein Fehler, wer auch immer ihn begangen hatte (das Regime massakrierte die Linke), vor dem Sturz des Schah mit rückständigen aber subjektiv antiimperialistischen Kräften zusammenzuarbeiten kann aber kein Fehler gewesen sein. Eine reife marxistische Führung einer einflußreichen revolutionären Organisation muss auf der „Klaviatur der politischen (und militärischen) Taktik“ eben genau wissen, wann welche Taste zu drücken ist und darf nicht das Klavier mit Stiefeln bearbeiten.
M dazu:
Da ist man im Nachhinein natürlich klüger……zumindest sollte es so sein. Es gibt natürlich auch erkenntnisresistente Linke, wie man im Falle des modernen Revisionismus sieht
(M steht einer „antirevisionistischen“ Strömung innerhalb des klassischen ML-Spektrums nahe, die im Jahr 1956 eine „revisionistische“ Fraktion in der UdSSR an die Macht gekommen sieht).
Meine Antwort an M:
Da ist Klassenanalyse angesagt und nicht „rechts-links“ oder „gut-böse“ Schematismus. Das Kleinbürgertum schwankt nun einmal zwischen Unterordnung unter die Großbourgeosie und Andocken an die Kämpfe des Proletariats. Und da kann es durchaus sehr überraschende Entwicklungen geben, in beiderlei Richtungen.

Mein vorläufiges Schlußwort dazu:

Wichtig ist aus meiner Sicht vor allem: Orientierung an den Klasseninteressen des Proletariats, und nicht an den Interessen des Kleinbürgertums, der „Kompradorenbourgeosie“ oder selbst der „nationalen Bourgeosie“, egal welche sympathischen oder unsympathischen Repräsentanten die entsprechenden politischen Parteien dieser Klassen zeitweilig hervorbringen, aber faktische Unterstützung, auch auf militärischer Eebene, wo möglich, gegen den Imperialismus und seine Interventionsversuche. Und das auch dann, wenn das Klasseninteresse des Proletariats noch keinen eigenen unabhängigen Ausdruck gefunden hat (und das ist so gut wie überall im Orient der Fall).
DAS nur kann ein wirklicher „Kompass“ sein.

Zur Person al-Assad

Ein Nachtrag noch zu der Person Bashar al Assads selbst, die ja im Titel dieses Artikels genannt wird. Aus meiner Sicht und nach meinen Recherchen ist diese Person keineswegs der „blutige Tyrann“, als die sie in der Propaganda der westlichen Wertegemeinschaft“ gern überzeichnet wird. Ich möchte an dieser Stelle den entsprechenden wikipedia-Artikel über seine Person zitieren, bei dem man ja annehmen könnte, dass er kaum zugunsten seiner Person, sondern eher ins Gegenteil von den undercover-NATO-Propagandisten innerhalb von wikipedia verzerrt ist (ich erinnere an die Affäre um den wikipedia-Artikel über Dr. Ganser):

Am 31. Januar 2011 äußerte sich Assad im Rahmen eines seiner seltenen Interviews mit westlichen Medien im Wall Street Journal zu den Protesten in Ägypten und forderte ein Umdenken unter den arabischen Machthabern hin zu mehr Liberalität. Er bekräftigte dabei schon früher vorgetragene Thesen von der Rückständigkeit Syriens bezüglich des zivilgesellschaftlichen Diskurses und verteidigte die Zurückhaltung seiner Regierung gegenüber vollen demokratischen Rechten für sein Volk. Gleichzeitig konstatierte er, dass ein Übergreifen des Arabischen Frühlings auf Syrien aufgrund der dort anders liegenden Verhältnisse unwahrscheinlich sei.

Nachdem Assad anfangs Recht zu behalten schien, griffen die Proteste ab Mitte März 2011 jedoch auf Syrien über und wurden von Sicherheitskräften mit zunehmender Gewalt beantwortet.

Im Juli 2011 gaben Riad al-Asaad und andere ehemalige Offiziere der syrischen Armee die Gründung der Freien Syrischen Armee bekannt,[22] die sich vor allem aus desertierten Soldaten zusammensetzt.

Bemerkenswert übrigens, dass zwischen „Protesten“ im März 2011 und der „Gründung der FSA“ Juli 2011 keine 6  Monate liegen, was klar für eine Inszenierung spricht, wie sie Assange ja für Syrien offenbart hat, nämlich dass entsprechende Provokationen von langer Hand vorbereitet worden sind, um das Regime zu „Überreaktionen“ zu bringen. Nicht dass man deswegen behaupten dürfe, nach mehr demokratischen Rechten verlangende Demonstrationen seien alle „vom Westen gesteuert“. Natürlich wird es in allen Ländern des Orients solche Bestrebungen geben. Tatsache ist aber auch, dass die US-amerikanische Strategie darauf ausgerichtet ist, solche Bewegungen recht schnell zu „kapern“ und damit auch zu entkernen.

Der jetzige Assad, der Sohn des früheren  Hafiz al-Assad , ist viel mehr eine Integrations- und Symbolfigur des Baath-Regimes als denn ein „Diktator“ oder selbst ein „autoritärer Herrscher“, wie es die NATO-Propaganda darstellt. Gleichwohl repräsentiert er durchaus das Baath-Establishment, das durchaus grundsätzlich bürgerlich-nationalistischer und damit autoritärer Natur ist. Das ist eine nüchterne Feststellung und ich verweigere mich, diese Person entweder zu verklären oder umgekehrt zu verteufeln. Soviel Sorgfalt muss sein.

Ich hoffe, mit diesem Artikel eine notwendige Debatte angestossen zu haben.

Nachtrag:
Mein Gesprächspartner im obigen Dialog teilte mir soeben mit:

Moin,wir haben ja schon einige Male uns bei Themen ausgetauscht und lagen oftmals nicht so weit auseinander…..ja, Du kannst meinen FB Namen da mit angeben
Es handelt sich bei „M“ um Dieter Unterpete.

(Beitragsbild übernommen aus wikipedia)

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