Nachdenkliche Randnotiz zu den Sunniten im Irak

Eine Randnotiz zum Thema Sunniten und Baathisten im Irak. Die meisten Menschen in Deutschland wissen über die reale Situation derzeit im Irak sehr sehr wenig, eigentlich fast gar nichts. Ich weiß auch nicht viel, aber ich denke doch mehr als 90% aller Journalisten, die bezahlterweise da entlang irgendwelcher aktuellen Propagandarichtlinien herumorakeln. Einer der Journalisten, der durchaus tiefergehendere Einblicke hat, ist Jürgen Todenhöfer. Der aber auch nicht alles weiß, wissen kann, was da wissenswert wäre (kein Vorwurf).

In facebook postete „Rebellunion“ gerade folgendes:

Jürgen Todenhöfer: „Die entscheidende Lösung ist ein bisschen komplizierter. Die Entscheidung wird nicht in Syrien, die wird im Irak fallen. Weil dort der IS besonders stark ist. Und der IS kann im Irak nur überleben, weil ihn das eine Drittel von jeder politischen Teilhabe ausgeschlossener Sunniten unterstützt.

Das sind 10 Millionen Menschen, die die einfach machen lassen. Und wenn man diese 10 Millionen Menschen durch eine echte, große, politische Anstrengung wieder im Irak integrieren würde, so dass es eine nationale Aussöhnung gäbe und wieder ein Land würde, dann sitzt der IS auf dem Trockenen. Das ist wie wenn Sie einem Fisch das Wasser entziehen.“

 

Ich kommentierte dazu:

Das ist zwar stichhaltig, aber nur ein Teil der Wahrheit. Ich hatte nach 2003 die Lage im Irak eingehend beobachtet. In einem Land, das seit 1000 Jahren keinen Religionskrieg mehr kannte (das ist länger als bei uns in Europa) brach nach der Invasion plötzlich ein solcher Religionskrieg aus. Angeheizt wurde das durch systematische „false flag“-Operationen durch die Besatzungsarmeen selbst. Ein Instrument dafür war (so ein Zufall) „Al Qaida im Irak“ auf der sunnitischen Seite, und verschiedene schiitische Milizen auf der anderen (z.B. die Badr-Milizen). Beide „Seiten“ verüben grauenhafte sektiererische Morde und schon war der „Religionskrieg“ da. Clever ausgedacht von den Besatzungsapparaten, nur ein Fehler war in der Rechnung. Es verdient bei dieser Gelegenheit übrigens Beachtung, dass etwa die Mehti-Armee von Muktada al-Sadr da nicht mitspielte und sich beispielsweise mit dem (sunnitischen) Aufstand in Falludascha solidarisierte. Die Mehti-Armee stellte tendenziell eine größere Gefahr für die Besatzung dar als der baathistische Untergrund, der auch existierte.
Aber auch sonst lief es schlecht für die USA.
Der schiitische Klerus nämlich liierte sich lieber mit dem Iran als mit den USA (aus naheliegenden Gründen). Verrückterweise war der Iran hinter den Kulissen diskret die stärkste Stütze der Besatzung (weiß der Teufel, was die sich in Teheran dabei gedacht haben).
Damit aber waren den USA die eigentlichen Früchte der Invasion vor der Nase weggeschnappt, was die natürlich sehr geärgert hat (man erinnere sich an die ständigen Grenzprovokationen an der Grenze zum Iran). Ab 2007/2008 wurde dann von wohlinformierten Beobachtern im Internet gemunkelt, dass es einen Strategiewechsel der USA in der Region gäbe, weg von der Präferierung des schiitischen Klerus, der die USA prächtig verladen hatte, hin zur Unterstützung der Sunniten. Ich fragte mich damals, wie sie das machen wollen „auf die sunnitische Karte zu setzen“.
Nun, heute, 2015, weiß ich es. Der IS war diese Karte und ihr Ausspielen wurde gut und lange vorbereitet (die Initialisierung des Bürgerkrieges in Syrien ab 2011 gehört dazu). Trotzdem ist die Aussage Todenhöfers natürlich richtig.
Aus meiner Sicht haben die USA offiziell und gerade den engstirnigen und korrupten Maliki (ex-Premier Irak) gefördert (die irakischen Schiiten sind auch in zig Fraktionen gespalten), damit der die Sunniten auch ordentlich gegen die Regierung in Bagdad aufbringt, parallel haben sie alles gut vorbereitet für das überraschende „Auftauchen“ des IS im letzten Jahr. Das führte dazu, dass auch Teheran bei den irakischen Schiiten auf Malikis Ablösung bestand (das Kind war aber schon in den Brunnen gefallen.
Was für mich ein ungelöstes Rätsel ist: was ist aus dem zeitweise recht starken baathistischen Untergrund um al-Duri geworden. Todenhöfen sagt zwar aus, dass ihm gegenüber behauptet wurde, die al-Duri-Leute wären zum IS übergelaufen, aber so richtig glaube ich das einfach nicht, da al-Duris FNPI noch 2013 erklärt hatte, für einen säkularen Irak einzutreten. Da müsste schlichtweg gezielt recherchiert werden, wozu mir die Mittel fehlen. Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Izzat_Ibrahim_ad-Duri

Duri,_Hussein,_Aysami_and_Ramadhan_during_Aflaq_funeral

(im Bild ganz rechts: Izzat Ibrahim ad-Duri)


Sicher ist das Thema scheinbar nur für diejenigen interessant, die die Situation schon länger durch eigene Recherche beobachten, aber es könnte wichtig werden, da eine klare Einschätzung zu erarbeiten. Die Situation da unten ist nämlich sehr komplex. Die meisten durchschnittlich informierten Menschen wissen beispielsweise nichts darüber, dass de facto der Irak den USA aus dem Ruder gelaufen ist, und warum.

Grundsätzlich hat natürlich Todenhöfer recht. Es ist eine Überlebensfrage für den Irak, den durch die Besatzungsbehörden erzeugten Konfessionshass zu beenden und die irakischen Sunniten wieder zu integrieren, allein im Interesse des Kampfes gegen das konstruierte Monstrum Islamischer Staat.

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Ein Gedanke zu “Nachdenkliche Randnotiz zu den Sunniten im Irak

  1. Sehr geehrter Herr .. Darüber habe ich mir auch schon lange Gedanken gemacht. Denn es hat mir nie eingeleuchtet, daß es für moderne, säkular ausgerichtete Baath-Leute attraktiv sein könnte, sich einer solchen Steinzeit-Islam-Bewegung anzuschließen. Ich las diese Darstellung schon des öfteren, hab sie aber nie wirklich geglaubt. – Schlimm ist bei allem aber, daß die Religionsfrage wieder oberste Priorität hat u. soziale Aspekte zurückgedrängt worden sind.

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