Das Massaker von Paris – 2015? Oder das von 1961?

Das jüngste Massaker von Paris, für das das von der „Westlichen Wertegemeinschaft“ herangezüchtete Monstrum „Islamischer Staat“ die Verantwortung übernommen haben soll, wird in den Massenmedien bisweilen als das „schlimmste Massaker in Paris seit dem Ende des 2. Weltkrieges“ bezeichnet. Ohne Zweifel, dieses Massaker, wer auch immer Drahtzieher und Urheber war, war schlimm. Aber es war – allein schon von der Anzahl der Todesopfer – NICHT das schlimmste Massaker in Paris seit dem Ende des 2.Weltkrieges. Ich möchte hiermit das tatsächlich schlimmste Massaker in Paris nach dem Ende des 2. Weltkrieges dem Vergessen entreissen, in dem es sonst versinken würde.

Es handelt sich um das Massaker von Paris vom 17. Oktober 1961.

Noch nie davon gehört? Dann wird es Zeit.

Am 17. Oktober 1961 versuchten an die 30000 Algerier in Paris explizit und erklärtermaßen friedlich und gewaltlos für die Unabhängigkeit von Algerien zu demonstrieren. Dieser Versuch der Wahrnehmung demokratischer Rechte endete mit mehreren hundert Ermordeten. Das Massaker selbst wurde jahrzehntelang der Öffentlichkeit verschwiegen.

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Was war die Vorgeschichte dieses Ereignisses?

Frankreich hatte 1830 die nordafrikanische Stadt Algier unter dem Vorwand der Bekämpfung der Piraterie besetzt. Gegen den erbitterten Widerstand der Berberstämme unter dem legendären Führer Abd el-Kader eroberten sie Zug um Zug das gesamte Territorium des heutigen Algerien. Erst 1847 war der letzte militärische Widerstand zerschlagen und Algerien wurde zu einer Siedlungskolonie, in die viele tausend französische Siedler strömten. Es handelte sich also um eine Art Israel-Projekt des französischen Imperialisms, nur mit Franzosen als Siedler. Die einheimischen Bauern wurden massiv enteignet, das dort übliche Gemeineigentum an Ländereien wurden aufgehoben, algerische Bauern in unfruchtbarere Gebiete vertrieben und das Land an die europäischen Siedler vergeben. Es entstand eine Art Apartheid-Regime in Algerien, welches durch den Code de l’indigénat von 1875 die Einwohner in Bürger erster und zweiter Klasse unterteilte, in französische Staatsbürger und französische Untertanen („Sujets“) ohne Staatsbürgerschaft.

Der Widerstand der Einheimischen war jedoch nicht zu ersticken. Im 2. Weltkrieg kämpften viele Algerier zwar auf Seiten der frei-französischen Truppen, doch dankte ihnen das Vaterland ihre Dienste nicht etwa mit kulturellen oder Autonomie-Rechten, sondern beließ die Algerier, von denen viele zehntausende auch nach Frankreich eingewandert waren, in einem degradierten Status.

Das Aufbegehren zahlreicher algerischer Oppositionsgruppen gipfelte am 8.Mai 1945 in dem grauenvollen Massaker von Sétif, das nach algerischen Angaben 45000 Menschen (fast ausschließlich Algeriern)  das Leben kostete. Als Reaktion auf das Erstarken der seit Ende der 1930er Jahre bestehenden algerischen Unabhängigkeitsbewegung wurde im September 1947 allen Algeriern die französische Staatsbürgerschaft zuerkannt (Algerien-Statut). Doch dafür war es angesichts eines Jahrhunderts brutalster Repression und Unterdrückung bereits zu spät.

Es begann 1954 der über alle Maßen brutale Algerienkrieg, bei dem die französische Armee mit allen Mitteln die Nationale Befreiungsfront FLN bekämpfte, die für die Unabhängigkeit Algeriens eintrat. Die monströsen Untaten der französischen Militär-, Polizei- und Geheimdienstapparate gehören zu den unrühmlichsten Kapiteln in der Geschichte der „Gran Nation“.

Die Wende begann, als das französische Parlament unter dem Druck der Ereignisse Charles de Gaulle am 1. Juni 1958 mit der Bildung einer neuen Regierung und Verfassung beauftragte. Es waren eigentlich rechtsextreme Militärs, die auf DeGaulle setzten, um den Kolonialkrieg in Algerien fortzusetzen, doch DeGaulle entschied sich nach Sichtung der Lage anders. Ihm wurde wohl klar, dass eine „algerische Überfremdung“ Frankreichs letztlich eine Gefahr für die Fundamente des bürgerlich-imperialistischen Frankreichs darstellte und konfrontierte sich mit genau den Kräften, die ihn an die Macht gebracht hatten.

Bereits im Januar 1961 hatten die Franzosen bei einem Referendum sich für die Unabhängigkeit Algeriens ausgesprochen. Da DeGaulle allerdings mit dem erbitterten Widerstand französischer Kolonialisten im Norden Algeriens sowie mit einer internen rechtsradikalen Opposition namens OAS konfrontiert.

Am 21. April 1961 führte die OAS einen Militärputsch von vier Generälen (Raoul Salan, Maurice Challe, Edmond Jouhaud und André Zeller) in Algier an, um die Sezessionspolitik de Gaulles zu torpedieren. Dieser Putschversuch scheiterte am 26. April 1961.

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Damit waren die entscheidenden Weichen für die Unabhängigkeit Algeriens bereits gestellt und die algerische Nationale Befreiungsfront FLN hatte gute Gründe anzunehmen, dass nach den Jahren der Illegalität und des bewaffneten Partisanenkampfes in Algerien selbst nun die Bahn frei war für einen friedlichen Protest in den Strassen von Paris, wo damals schon hunderttausende Algerier lebten. Sie rief die Algerier in Paris zu einer gewaltlosen Demonstration auf, um den ohnehin in Gang befindlichen Prozess der Unabhängigkeit Frankreichs zu beschleunigen. Diese gewaltlose Demonstration endete in einem Polizeimassaker.

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Verantwortlich für den Massenmord war der Massenmörder und ehemalige Nazi-Kollaborateur Maurice Papon, der als Polizeipräfekt von Paris einen Schießbefehl erteilt hatte. Vor dem 17. Oktober war eine nächtliche Ausgangssperre für Franzosen algerischer Herkunft in der Region Paris erlassen worden.

Obwohl die Demonstration friedlich verlief, wenn auch unter Missachtung der Ausgangssperre, gingen Kräfte der Pariser Polizei, Gendarmerie und Bereitschaftspolizei CRS unter dem Kommando von Papon, rücksichtslos und brutal vor und töteten zahlreiche Demonstranten.

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Genau dieser Papon wurde 1998 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, die er als hoher Beamter des Vichy-Regimes begangen hatte. Wegen einer Generalamnestie für alle im Zusammenhang mit dem Algerienkrieg begangenen Verbrechen wurde er jedoch niemals für dieses Massaker von Paris 1961 strafrechtlich belangt.

Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt oder zumindest umstritten. Polizeiliche Angaben sprachen damals lediglich von drei Toten. Die Liste des Historikers Jean-Luc Einaudi verzeichnet 384 Opfer, einschließlich aller Toten, die schon zuvor in den Gewässern rund um Paris gefunden wurden; jedoch sei die Zahl vermutlich höher, weil es bis heute ungeklärte Fälle und Vermisste gebe. Die Festgenommenen wurden teilweise über mehrere Tage hinweg unter freiem Himmel interniert. Noch Wochen später wurden Leichen in der Seine gefunden. Über das Massaker wurde damals in den Medien praktisch nicht berichtet, auch nicht durch die Medien der politischen Linken, die in diesem Punkt mit den „Mit-Herrenmenschen“ dichthielt.

Mehr als 200 Tote bei der Schlacht um Paris
Wie viele Menschen starben oder verletzt wurden ist bis heute unklar, Politiker vertuschten die Exzesse der Pariser Polizei, die damals von Polizeipräfekt Maurice Papon befehligt wurden. Die Aufarbeitung dieses dunkelen Kapitels der jüngeren französischen Geschichte begann erst 30 Jahre später: 1991 veröffentlichte der Historiker Jean-Luc Einaudi sein Buch «Die Schlacht um Paris» und brach so das kollektive Schweigen. Minutiös rekonstruierte er die Vorgänge vom 17. Oktober 1962. Einaudi geht von 200, möglicherweise sogar 300 Toten aus. Über 10 000 Algerier wurden noch tagelang in Pariser Sportstadien gefangen gehalten; auch hier soll misshandelt und getötet worden sein. Doch nicht einmal Einaudis bewegendes Buch konnte die Franzosen aufrütteln; es fand zunächst kaum Beachtung. Dabei zitierte der Historiker auch Augenzeugen, die unverdächtig waren, die Ereignisse übertrieben zu schildern – etwa Polizisten und Ärzte, die von „Blutlachen“, „Schlachtfeldern“ und „Leichenbergen“ berichteten.

http://www.arte.tv/de/der-algerische-unabhaengigkeitskampf-die-ungesuehnten-massaker-von-paris/6388522,CmC=6389936.html

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Sehr sehenswerter Film zu diesem düsteren Thema:

Beitext:

Der Film rekonstruiert die Geschehnisse eines großen Verbrechens, das 1961 in Paris geschah. Er spricht mit Zeitzeugen – Algeriern und Franzosen – befragt Historiker und recherchiert in den Archiven. Eine Geschichte so spannend wie ein Krimi, in dem die Verantwortlichen und Hintermänner in den obersten Etagen der Macht saßen.Es geschah am 17. Oktober 1961. 30.000 in Paris lebende Algerier versammelten sich in den Straßen der Hauptstadt zu einem Schweigemarsch gegen den Algerienkrieg und gegen die vom Pariser Präfekten Papon verhängte Ausgangssperre für die Algerierfranzosen. Tausende Polizisten, mobilisiert von einem zynischen Präfekten, gingen mit ungewöhnlicher Brutalität vor und machten regelrecht Jagd auf die Demonstranten. Mindestens 200 von ihnen wurden erschossen und in die Seine geworfen. “Wir kamen ohne Waffen, ohne Messer oder Stöcke”, so ein Teilnehmer von damals, “nur unsere leeren Hände hatten wir.” Am nächsten Morgen ging das Leben in Paris weiter, wie wenn nichts geschehen wäre. Kein Wort in den Zeitungen, im Fernsehen kein Bild. Die Zensur war total. Dabei war alles unter den Augen der Öffentlichkeit geschehen, doch die Bürger schwiegen. Dieses Schweigen hat bis heute angedauert. Das Öffnen der Archive der Stadt Paris bestätigte die schreckliche Wahrheit.

Am 1. Juli 1962 entschied sich die algerische Bevölkerung mit 91 % Zustimmung zur Eigenstaatlichkeit des Landes. Die von der FLN gebildete provisorische Regierung wurde binnen drei Tagen von Frankreich, den USA und mehreren arabischen Ländern als Vertretung des nun souveränen Staates anerkannt. Das Massaker von Paris war also völlig sinnlos gewesen, weil es den Gang der Geschichte nicht aufhalten konnte.

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Wenn in den heutigen Tagen des Massakers von Paris 2015 gedacht wird, so sollte das Gedenken an die namenlosen und jahrzehntelang verschwiegenen Opfer des Massaker von 1961 auch wachgehalten werden, sogar im Hinblick darauf, dass die Opferzahl von mehreren hundert in der imperialistischen Metropole Paris gering war im Vergleich zu den monströsen Opferzahlen, die der schändliche Algerienkrieg in Algerien selbst unter der dortigen Bevölkerung verursachte. Die Schätzungen von gefolterten und ermordeten algerischen Zivilisten in den Jahren 1954-1962 gehen in die Hundertausende.

Diese Verbrechen düfen nicht der Vergessenheit anheim fallen!

weitere sehenswerte Videos (meist französisch) zu diesem Thema:

Quellen und weiterführende Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Paris

http://www.deutschlandfunk.de/das-massaker-vom-17-oktober-1961-in-paris.795.de.html?dram:article_id=119648

http://www.n-tv.de/politik/Hollande-gesteht-Massaker-ein-article7502966.html

http://www.welt.de/politik/ausland/article109957720/Hollande-gibt-Massaker-an-Algeriern-in-Paris-zu.html

http://www.arte.tv/de/der-algerische-unabhaengigkeitskampf-die-ungesuehnten-massaker-von-paris/6388522,CmC=6389936.html

Die Bilder in diesem Beitrag sind Screenshots aus den verlinkten Youtube-Videos

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Ein Gedanke zu “Das Massaker von Paris – 2015? Oder das von 1961?

  1. Na, lange her, findest du nicht? Wir werden uns nun mehr mit dem Parismassakern von 2015 beschäftigen müssen, mit dem Brüsselmassaker 2016, und mit denen, die unweigerlich bald folgen werden.

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