Über „gender“ und „sex“ und über viele (nicht alle) „Sexismus“-Debatten

Kann es sein, dass ein schlichtes Zitat des großen utopischen Sozialisten Charles Fourier solchen Hass und Zorn von vorgeblichen „Linken“ auf sich ziehen kann?

Zum Beispiel dieses:

„Die Natur treibt uns zur Liebesorgie. (…) Man muß also einräumen, daß die Orgie ein natürliches Bedürfnis des Menschen ist und daß lediglich die Ausübung dieses Vergnügens geregelt werden muß (…) Folglich bedeutet die Orgie den edlen Aufflug der freien Liebe (…) Sie verstärkt die Sympathien jedes Einzelnen durch eine gemeinsame, kollektive Leidenschaft, die für alle Beteiligten eine neue Beziehung bedeutet“.

Zugegeben, das Zitat ist schon wirklich starker Toback, vor allem für Leute, die Fourier gar nicht kennen und Marxismus vor allem aus einem System von Zitaten besteht, dessen Sinn insgesamt sich vielen nicht wirklich erschließt.

Richtig, das war doch irgendwas mit Emanzipation und so.

Zum Begriff „Sexismus“.

Ich verweigere jede Handhabung dieses Wortes meinerseits, weil es mehr verschleiert als irgendeiner Weise etwas klärt.

Es hat damit für mich einen ganz anderen Charakter als etwa das Wort „Rassismus“ hat, das klar eine Abwertung einer Bevölkerungsgruppe aufgrund ihrer Rasse zum Inhalt hat. Allerdings meine ich auch, dass dieser Begriff eine derart inflationär in seiner Bedeutung angewachsen ist, dass er fast überhaupt nicht mehr zu bezeichnen, worum etwas geht. „Rassist“ ist innerhalb der „linken Szene“ zum beliebtesten Schimpfwort geworden, und zwar untereinander, und das ist wirklich grotesk. Aber selbst bei relativ inflationärem Gebrauch bezeichnet der Begriff in seiner Bedeutung die Abwertung, Diffamierung und Benachteiligung von Menschen aufgrund irgendwelcher äußeren Merkmale (wozu letztlich auch nur der Status aufgrund des vorhandenen oder nicht vorhandenen Ausweises nebst „Staatsangehörigkeit“ gehören kann).

Viel schlimmer verhält es sich mit dem Begriff „Sexismus“ oder „sexistisch“. Hat er ganz ursprünglich ddie Abwertung/Unterdrückung von Menschen aufgrund ihres Geschlechtes bezeichnet, so wird er unterdessen derart inflationär gebraucht, dass mit ihm alles bezeichnet werden kann, was auch nur im entferntesten mit Sexualität zu tun hat.

So ist es längst völlig normal geworden, dass etwa ein Foto einer schönen Frau im Minirock als „sexistisch“ bezeichnet werden kann. Das ist vielleicht ein bißchen „extrem“, aber es ist durchaus schon viele Male geschehen und das ist der Ausdruck einer kollektiven Haltung. Ich erinnere mich noch gut an den „shitstorm“, den ein Genosse im Umfeld der NAO vor einigen Jahren auslöste, als er unklugerweise mal in einem Posting zu erkennen gab, dass aufreizende Fotos von Frauen mit entsprechenden „Reizsymbolen (High Heels, bestrumpfte Beine etc.)“ durchaus seinen Gefallen finden. Klar, für den unflektierten „linken“, „feministischen“ „Geist“ ist so etwas „Sexismus“ und „Entwürdigung der Frau“, und das selbst in dem Falle, wo die betreffende Frau sich bewusst mit ihren körperlichen Reiz zur Schau stellen WILL.

Die entsprechende Neigung nennt sich übrigens Exhibitionsmus und findet ihren Gegenpart im Voyeurismus. Nach heutigem wissenschaftlichen Stand sind beide Neigungen geschlechtsunspezifisch von ihrem Grundansatz her, d.h. sie tritt – mehr oder weniger „kultiviert“ – bei beiden Geschlechtern auf.  Und wenn es deren zehn geben sollte, dann auch bei allen zehn.

Sexualität ist demnach zumindest etwas gefährliches, denn wo Sex dabei ist, dann zwangsläufig eben auch der „Sexismus“. Was immer das sei. Ach ja, und was ist das eigentlich genau, Sexismus? Niemand vermag es genau so sagen, aber im Zweifelsfall ist es immer die Sexualität selber.

Ich finde es irgendwie faszinierend und gleichzeitig dämonisch. Ein Teil dessen, was man vage als „linke, emanzipatorische, alternative usw.“ Szene hat sich dem Ziel verschrieben, die Sexualität als solche zu bekämpfen, oder zumindest einzudämmen. Das ist deshalb faszinierend, weil es sich um eine menschliche Grundleidenschaft handelt, die zu den stärksten überhaupt zählt, und deren Bekämpfung eigentlich völlig unmöglich ist. Aber Leidenschaften, das ist eine Kategorie, die für viele heutige „Linke“ gar keine Rolle spielt.

Mir fällt seit Jahren eine durchgängige dröge Lustfeindlichkeit in der „linken Szene“ auf, die sich meist als „Gesellschaftskritik“ tarnt, aus meiner Sicht aber das Ergebnis von Verdrängungsprozessen in den Akteuren selbst ist. Man gibt sich „verkopft“, aber durchaus ohne Sinn und Verstand (ja, das geht).

Hier spielt auch eine zeitgenössische Mode-Philosophie eine Rolle, die als „Poststrukturalismus“ bezeichnet wird und vor allem im universitären Umfeld eine Rolle spielt. Ohne auf diese Mode-Philosophie näher einzugehen, möchte ich hervorheben, dass der Satz

„Es gibt keine Wirklichkeit außerhalb der Sprache“

für viele Verfechter dieser Richtung eine Art Grundleitsatz, ein Axiom geworden ist.

Eine erkennbare Intention vieler linker „Poststrukturalisten“ ist die Absicht, durch Änderungen in der Sprache auch Änderungen in der Realität herbeiführen zu können. Das Ergebnis davon ist etwas, was als „Gender-Ideologie“ bezeichnet werden kann (Leute, die sich darüber ärgern, nennen diese Ideologen auch „Genderioten“). Durch entsprechenden „maximalen gesellschaftlichen Druck“ auf der sprachlichen Ebene (Verwendung diverser Schreibweisen wie etwa „russischer Bürger-Innen-Krieg“) soll auch eine Veränderung in der Gesellschaft erzwungen werden.

Es ist zunächst aus meiner Sicht ein alberner Irrglaube zu meinen, durch erzwungene Veränderungen der Sprache, d.h. des „Jargons“ auch Veränderungen im Verhalten bewirken zu können. Die sprachgeschichtliche Realität zeigt ein anderes Bild: die sozialen Veränderungen gehen den sprachlichen Veränderungen voran, und nicht umgekehrt.

Zugrunde liegende Leitformel ist „Es gibt keine Wirklichkeit außerhalb der Sprache“, ergo muss man durch „maximalen gesellschaftlichen Druck“ nur eine Veränderung im Jargon bewirken und alles wird gut.

Das macht man (!) am besten durch „Entlarvung“ und Denunziation, so dass die solcherart Kritisierten sich wenigstens an den „korrekten Jargon“ halten.

Das ist EIN Hintergrund mancher „Sexismus“-Diskussion.

Abgesehen davon hat der Begriff „Sexismus“ seit seinem Aufkommen eine völlige Bedeutungsumkehr erfahren.
Mittlerweile wird unter „Sexismus“ längst nicht mehr etwa eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechtes verstanden, sondern im Zweifelsfall alles darunter subsummiert, was auch nur im entferntesten mit Sexualität, Erotik, Attraktivität und dergleich zu tun hat.
Aber ich gebe zu, so leicht ist das nicht zu durchschauen.

Zunächst gehe ich auf die Sprachveränderungen ein, die „linksorientierte“, „feministische“ Linke (meist Männer übrigens, oder noch grotesker „Ex-Männer“, die sich von ihrem „gender“ „losgesagt“ haben) gern durchsetzen wollen.

Da spielt zum einen die Unterscheidung von „sex“ und „gender“ eine Rolle.

Es macht durchaus Sinn, „gender“ und „sex“ zu unterscheiden.

„gender“ wäre dann so etwas wie ein soziales Machtgefälle (ein Widerspruch also), welches unbedingt zu überwinden ist (-> Suffragetten, Kampf gegen $218, und alle anderen Kämpfe, die die Aufhebung dieses Machtgefälles zum Inhalt haben).

„sex“ dagegen ist eine Polarität (!), die eine der stärksten Anziehungskräfte zwischen Menschen darstellt, und zwar von Anbeginn der Zeiten an, wo man von Menschen sprechen kann.

Erläuterung: nach Auffassung des genialen utopischen Sozialisten Charles Fourier, der Marx und Engels entscheidend inspirierte, bestehen zwischen Menschen Anziehungskräfte („attractions“), die überhaupt das soziale Miteinander möglich machen. Diese Anziehungskräfte nennt er auch „passions“ (Leidenschaften). Alles, was mit „Erotik“ zu tun hat, ist eine der stärksten dieser Anziehungs- und Assoziationskräfte.

Das Verbrechen der Genderioten besteht darin, dass sie die anfängliche (durchaus noch nachvollziehbare) Unterscheidung in „gender“ und „sex“ ganz aufgeben und nur noch „gender“ sehen wollen.

Dann zur Losung der „Aufhebung der Geschlechter“ zu kommen ist dann nur eine Konsequenz dieser Kopfwichse.
So ist es kein Zufall, dass ein Großteil der heutigen „linken Szene“ sich als Feinde der menschlichen Leidenschaften präsentiert ( der wahre Inhalt vieler „Sexismus“ – Debatten).

Der politische Stillstand, der daraus erwächst, ist grauenerregend. Denn diese Leidenschafts-Feindlichkeit betrifft nicht nur diejenige Leidenschaft, die wir als Sexualität bezeichnen können, sondern auch andere menschliche Leidenschaften, die zumindest suspekt sind und die die „Emanzipatoren“ am liebsten unter den Tisch diskutieren wollen.

Um auf gängige Argumente der „Genderisten“ zu antworten:

Anziehungen beruhen immer im gewissen Sinne auf Gegensätzen. Um genau zu sein: Polaritäten.

Sonst gäbe es auch den Magnetismus nicht.

Eine ganz andere Frage ist, ob diese Polarität auf „physiologischen“ Unterschieden beruhen muss (da gehe ich durchaus mit bei dieser Infragestellung).
Offensichtlich nicht, denn sonst gäbe es auch keine Erotik zwischen Männern (physiologisch betrachtet) oder zwischen Frauen (physiologisch betrachtet). Auch in diesen Fällen wird durchaus davon gesprochen, dass diese Menschen „Sex“ miteinander haben (trotz „physiologischer“ „Gleichheit“).

Das ist auch unabhängig von der Frage, wie willkürlich Definitionen sein können, durch die Menschen dem einen oder anderen Geschlecht „zugewiesen“ werden könnten. Und sogar unabhängig von der Frage, wieviele „Sexes“ es denn geben könnte. (Polarität ist dabei zwar ein häufiges Wirkungsprinzip, aber keineswegs das einzige).

„Heteronormativität“ ist da ein schönes „Feindbild“. Es ist zwar entschieden zu begrüßen, dass sexuelle Minderheiten, die nicht heterosexuell sind, sondern sonst etwas, nicht mehr diskriminiert und unter irgendeine „Norm“ gestellt werden dürfen.  Aber macht es einen Sinn, Menschen, die nun nicht per Eigendefinition in irgendeiner Weise „queer“ sind, die unterstellte „Heteronormativität“ wortgewaltig (es gibt ja angeblich keine Wirklichkeit ausserhalb der Sprache) austreiben zu wollen?

Der entscheidende Punkt ist aber aus meiner Sicht tatsächlich, dass Anhänger der gegenwärtigen Gender-Ideologie, auch bei durchaus diskutablen Ansätzen, sich oft zu Feinden der menschlichen Leidenschaften machen, was völlig sinnlos und im übrigen aus meinem Verständnis im wörtlichsten Sinn des Wortes „anti-emanzipatorisch“ ist.
Die menschlichen Leidenschaften, die im übrigen hochdifferenziert sind, werden einfach weg-„differenziert“, aber nur im Kopf der Genderisten. Aus dem Leben der Menschen lassen sie sich nicht wegdifferenzieren, weil die Menschen eben durch ihre (vielfältigen und hochdifferenzierten) Leidenschaften bestimmt sind.

Denn die Emanzipation der Menschen kann letztlich nur in der Emanzipation ihrer Leidenschaften bestehen, und nicht etwa in ihrer Unterdrückung bestehen. Emanzipation der Menschen durch ihre „Befreiung von ihren Leidenschaften“ ist eine Chimäre!

Einziges Heilmittel dagegen ist aus meiner Sicht eine gründliche (Re)Fouriersierung der Linken. Fourier? Wer was das noch mal schnell?

Die Kollektion menschlicher Leidenschaften muss gerade von einer emanzipatorischen Linken, die den Namen wirklich verdient, wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden.

Und zwar nicht nur in Anbetracht dessen, dass eine kommunistische „Utopie“ (gemäß Ernst Bloch etwas „noch nicht Seiendes“) nur durch die Kultivierung aller menschlichen Leidenschaften durch die Selbstorganisation der Menschheit in „Serien“ denkbar ist ( Serie = Fouriers Begriff für eine Organisationsform von Menschen, die auf gemeinsamen und geteilten Leidenschaften beruht), sondern auch deswegen, weil zur Analyse des subjektiven Faktor, des realen Bewusstseins oder auch Unbewusstseins der Massen (wie man will) die Analyse der Leidenschaften der Menschen geradezu unverzichtbar und wesentlich ist.

War das zu kompliziert?
Dann noch einmal ganz einfach: wer Menschen ansprechen und gewinnen will, muss auch ihre Leidenschaften kennen und ansprechen können.

siehe hierzu folgende exzellente Kurzdarstellung der wesentlichen Konzepte Charles Fouriers durch den Genossen B.I.Bronsteyn:
https://bronsteyn.wordpress.com/2012/12/05/die-anziehungen-sind-proportional-zu-den-bestimmungen-charles-fourier-und-der-kommunismus/
Erklärender Hinweis noch zum Beitragsbild:

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Zum Hintergrund meines kleinen Aufsatzes.
Das Foto war Gegenstand einer internen „Sexismus-Debatte“ in einer Tango-Gruppe in Facebook. Es handelte sich bei dem Foto (siehe oben) um die Einladung zu einer großen Tango-Veranstaltung im Berliner Kitkat – Club, einem hedonistisch ausgerichteten Club in Berlin. Gegen dieses Foto entwickelte sich kurzzeitig eine Art „Kulturkampf“ innerhalb eines Sektors der „Tango-Szene“ (auch so was gibt es), von sich „links“ gebärdender Seite vorgetragen.

siehe auch:
https://de.wikipedia.org/wiki/KitKatClub
http://www.kitkatclub.org/Home/Club/Index.html

Aus meiner Sicht wurde dabei deutlich, dass es Genderisten und vielen anderen Leuten in der „linken Szene“ nicht um die Abschaffung eines sozialen Gefälles zwischen Mann und Frau mehr geht, sondern um die Verteuflung derjenigen menschlichen Leidenschaft, die (aus unterschiedlichen Blickwinkeln) als „Erotik“, „Sex“, „desire“ etc. bezeichnet wird. Zitat:

Die bedauerliche Tendenz, von der ich spreche, ist die zu Veroberflächlichung und Überspanntheit, zum Konsum (von Musik, von Emotionen, von Drogen, von sexualisierter Körperlichkeit, von narzißtischer Selbstinszenierung und Egowichs), zum Rausch und zum Sexismus. Diese Tendenz ist inhärent kapitalistisch, systemstabilisierend und antiemanzipatorisch…

Das klingt alles sehr „links“, ist es aber aus meiner Sicht nicht. Bemerkt, in welchem Sinn und in welcher bedeutung der Begriff „Sexismus“ hier verwendet wird?

Zu einer wirklich „emanzipatorischen“ Linken gehört aus meiner Sicht ein klares Bekenntnis zu den menschlichen Leidenschaften in ihrer ursprünglichen, unverbogenen Form.

Dazu gehört freilich nicht nur die als „Erotik“ umschriebene menschliche Grundleidenschaft, sondern etwa auch der von Fourier konstatierte „Gemeinschaftssinn“, der in der spätkapitalistischen Gesellschaft mit ihrer Konkurrenz aller gegen alle für die Mehrheit der Menschen auch nicht mehr wirklich lebbar ist, und wenn, dann in fürchterlich verzerrter und deformierter Form als diverse Formen von Fremdenfeindlicheit und auf Ausschließung beruhender „identitärer“ Nationalismen.
Siehe Flüchtlingsdebatte.

Aber das ist ein weiterführendes Thema.

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Ein Gedanke zu “Über „gender“ und „sex“ und über viele (nicht alle) „Sexismus“-Debatten

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