Zum Begriff Planwirtschaft

„Marktwirtschaft ist der Planwirtschaft überlegen“

Klar, unser Schulsystem ist voll mit bürgerlicher, prokapitalistischer Propaganda. Wie an dem Bild zu sehen ist, haben ideologische Glaubenssätze den Rang von pseudowissenschaftlichen „Wahrheiten“, und wer entsprechende Fragen nicht „richtig“ beantwortet, bekommt null Punkte.

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Das Bild habe ich – so wie es ist – gefunden, weil es einige Reflexion lohnt.

In der Tat handelt es sich bei diesem Mem um ein ganz entscheidendes, das die Köpfe zahlreicher Proletarier vergiftet hat, und dummerweise hat die linke Szene auch keine wirkliche Antwort darauf. Außer dem Glauben (Glauben heißt nicht wissen), dass das Mem unrecht hat. Eine Debatte hier ist überfällig. Ich nenne mal ein paar Stichpunkte:
– trotz der erheblichen Deformationen durch die Bürokratisierung demonstrierte die Planwirtschaft ihre Überlegenheit konkret in der Geschichte der UdSSR
– jeder imperialistische Konzern praktiziert intern Planwirtschaft, und nicht Marktwirtschaft.
– in der Ära der russischen Revolution waren die eigentlich notwendigen Instrumente einer Planwirtschaft noch gar nicht existent. Diese wurden markanterweise durch die imperialistischen Konzerne erst entwickelt. Ich nenne mal als Beispiele: Netzplantechnik in der Projektplanung (entwickelt erst in den 50er und 60er Jahren), Produktionsplanung und -steuerung (Kürzel: PPS, jeder Informatiker weiß, was das ist)
– unter den Bedingungen, dass die wichtigsten planwirtschaftlichen Planungsinstrumente noch gar nicht entwickelt waren, konnte die Sowjetwirtschaft zwangsläufig nichts anderes sein als eine „Kommandowirtschaft“
– die Planwirtschaft der UdSSR war eine Abbildung der in den 20er Jahren existierenden Organisationsformen kapitalistischer Betriebsorganisation (sogenannte Stab-Linien-Systeme). Diese erwiesen sich auch im Kapitalismus als zu schwerfällig und fehleranfällig und wurden von den Konzepten „Matrixorganisation“ und „Tensororganisation“, sowie „lean production“ abgelöst. Die Sowjetwirtschaft aber war gewissermaßen in den Betriebsorganisationsformen der 20er Jahre bis in die 90er Jahre „festgefroren“
– eine Planwirtschaft müsste nach heutigen Erkenntnissen folgende Eigenschaften haben: modular, funktional und objektorientiert. Das sind Begriffe aus der Informatik, und die sind sehr wichtig. Leider gibt es zu wenig linke Informatiker (und auch Volks- und Betriebswirtschaftler), die helfen könnten, diese Begriffe in die Sprache der Betriebsorganisation zu übersetzen. Und die linke Szene hat allgemein aufgrund der wie eine Seuche grassierenden Modephilosophe des „Poststrukturalismus“ mit Wissenschaft kaum mehr was am Hut.
– fortschrittene Konzepte kapitalistischer Betriebsorganisation sehen sogar die Wählbarkeit der Vorgesetzten, die Festlegung der Gehälter durch die Beschäftigten usw. vor, was von der ignoranten „linken Szene“ noch nicht einmal wahrgenommen wurde: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Semco_System

Seit Jahren versuche ich in der „linken Szene“ für diese Themen Gesprächspartner zu finden, bislang weitgehend vergeblich.
Unter diesen Bedingungen (die völlige Ignoranz der „linken Szene“, und zwar durchgängig durch alle Strömungen hindurch) darf es nicht wundern, dass dieses „Mem“ sehr fest in den Köpfen sitzt.
Ich füge dem noch hinzu:
– vor allem in der Daseinsvorsorge muss Planwirtschaft verwirklicht werden, um nämlich diese Daseinsfürsorge zu GARANTIEREN (so wie in der kapitalistischen Planwirtschaft innerhalb der Konzerne eine bestimmte Ausstoßmenge von Produkten unter einem definiteren Aufwand an Input an Ressourcen garantiert sein muss).
Zum Begriff Daseinsfürsorge: es handelt sich um einen Begriff des bürgerlichen Verwaltungsrecht, der durchaus dynamisch verstanden werden darf und sollte:
https://de.wikipedia.org/wiki/Daseinsvorsorge
Zur Einnerung: Charles Fourier nannte die der „Zivilisation“ folgende Gesellschaftsordnung (nach Interpretation von Marx und Engels synonym bzw identisch mit „bürgerlicher Gesellschaft“) „Garantismus“ (was mithin synonym mit „Sozialismus“ zu behandeln wäre)

Zum Beitragsbild: das habe ich in facebook hier gefunden:
https://www.facebook.com/Jusomemebase/?fref=nf

Ich weiß zwar nicht genau, wie ernsthaft diese Seite ist, aber jedenfalls regte mich die Kontroverse um das Bild, das ich als Beitragsbild gewählt habe, zu diesem Artikel an.

————

Nachtrag am 27.8.2016

In der Diskussion um diese Fragen taucht immer wieder der aus meiner Sicht irreführende Begriff der „sozialistischen Marktwirtschaft“ auf.
Zugrunde liegt die (durchaus zutreffende) These, dass Marktwirtschaft und Kapitalismus durchaus keine synonymen Begriffe sind, auch wenn sie von der kapitalistischen Propaganda gern so gehandhabt werden.

Aus meiner Sicht ist es zwar durchaus richtig, Marktwirtschaft und Kapitalismus zu unterscheiden, aber nur insofern
1. als „Marktwirtschaft“ auch sektoriell verstanden werden kann und nicht unbedingt als Bezeichnung für eine ganze Ordnung gehandhabt werden muss
2. grundsätzlich Marktwirtschaft schon vor dem Kapitalismus existierte
zu 1. es wird auch im Sozialismus Sektoren der Wirtschaft geben, in denen Marktwirtschaft gilt und keine Planung vorgenommen wird. Ein Beispiel, damit ich verstanden werde: für „Luxusgüter“ (was immer darunter verstanden werden kann) ist Markt möglicherweise als Regulativ durchaus sinnvoll.
Modeartikel beispielsweise, warum sollte deren Produktion und Distribution ohne Not „verstaatlicht“ oder selbst „kommunalisiert“ werden?
Aber für die DASEINSVORSORGE für alle Menschen muss eben deswegen Planwirtschaft gelten, weil diese garantiert werden muss (Aspekt des „Garantismus“). Daseinsvorsorge betrifft die wichtigsten Bereiche der menschlichen Existenz: Verkehrs- und Beförderungswesen, Gas-, Wasser-, und Elektrizitätsversorgung, Müllabfuhr, Abwasserbeseitigung, Bildungs- und Kultureinrichtungen, Krankenhäuser, Friedhöfe, Bäder usw. Nur nebenebi bemerkt: in letzter Konsequenz betrifft das auch alle zuliefernden produzierenden Industrien (Maschinenbau, Fahrzeugbau, Pharmaindustrie, Energieindustrie)
2. Auch in vorkapitalistischen Gesellschaftsordnungen gab es schon Marktwirtschaft, und sektoriell (!!) mag es auch in einer nachkapitalistischen Gesellschaft in einzelnen Bereichen noch Marktwirtschaft geben.
Kapitalismus allerdings ist eine Gesellschaftsordnung, in der der Markt eine zentrale Rolle spielt, und damit auch Profitmaximierung und Kapitalakkumulation als dominierende Mechanismen.
Das ist eben in einer nachkapitalistischen Gesellschaft NICHT der Fall (hier spielt die Existenzgarantie eine zentrale Rolle).
Insofern ist der Begriff „sozialistische Marktwirtschaft“ als Bezeichnung für eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung falsch. Eine solche ist eben entweder kapitalistisch (Markt als Drehpunkt) oder sozialistisch (Existenzgarantie als Drehpunkt).
„Sozialistische Marktwirtschaft“ kann nur sinnvoll der Ausdruck für den Umstand sein, dass auch in einer sozialistischen („garantistischen“) Gesellschaftsordnung in einzelnen Sektoren noch Marktgesetze überdauern.
Der entscheidene Punkt aber ist: NICHT in den Bereichen, die für die Daseinsvorsorge maßgeblich sind.

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