Was steckt hinter dem Verwirrspiel der „Operation Euphrat Schild“?

Angeblich ist der unmittelbare Gegner der türkischen Operation „Euphrat Schild“ in Nordsyrien der sogenannte „Islamische Staat“. Und ebenso angeblich werden die türkischen Truppen von „moderaten Rebellen“ der sogenannten „Freien Syrischen Armee“ begleitet. Die vorrückenden Truppen der türkischen Armee und dieser „moderaten Rebellen“ erzielen angeblich rasche Geländegewinne gegenüber dem „Islamischen Staat“. Gleichzeitig wird klar, dass das eigentliche Angriffsziel der Operation in Wirklichkeit die kurdische YPG und die von ihr geführte SDF („Syrische demokratische Kräfte“) sind.

Über die militärstrategische Bedeutung dieser Region, die die wichtigste Versorgungslinien für den „Islamischen Staat“ beinhalten, siehe auch:
https://nemetico.wordpress.com/2015/11/19/was-ist-mit-diesen-100-kilometern/

Natürlich begrüssen die Regierungen der „westlichen Wertegemeinschaft“ (einschließlich der Bundesregierung) die syrische Operation der Erdogan-Regierung als den Zielen der „Anti-IS-Koalition“ entsprechend. Wenn eine solche Operation gegen den „Islamischen Staat“ gerichtet ist, so wird suggeriert, dann muss es ja wohl „gut“ sein.

Tatsächlich ist die Operation insgesamt ein offenbar gut orchestriertes Verwirrspiel um einen schlichten unprovozierten Angriffskrieg der Türkei gegen einen souveränen Staat mit Rückendeckung durch die NATO.

Das personifizierte „Böse“ in diesem Verwirrspiel ist der „Islamische Staat“, ein eigentlich lebensunfähiges Kunstgebilde, das maßgeblich von den Geheimdiensten der USA, der „westlichen Wertegemeinschaft“ inklusive der Türkei, Saudi-Arabiens und sogar Israels hochgepuscht und am Leben gehalten wird. Für all dies gibt es jede Menge Belege und Beweise, ich will mich an dieser Stelle nicht wiederholen.

Welchen Sinn es für unsere „Eliten“ macht, eine solch mörderische Organisation einerseits scheinbar zu bekämpfen und andererseits mit allen Kräften am Leben zu erhalten, wird gerade derzeit mehr als deutlich. Die Existenz dieser „Organisation“ liefert Anlässe und Rechtfertigungen für Militärinterventionen des „Westens“. Im Zweifelsfall geht es eben immer gegen das „Böse an sich“, den IS, den Drachen, den anscheinend in der „westlichen Wertegemeinschaft“ niemand so richtig totschlagen will, allen vollmundigen Reden zum Trotz.

Nichts anderes ist auch sein Existenzweck. Um diese Funktion immer mal wieder zu reaktivieren, gibts auch immer mal wieder Bombenanschläge in den Großstädten Europas, so blutig und grauenhaft wie möglich, damit die europäische Bevölkerung erst einmal in Schockstarre versetzt wird und Regierungsentscheidungen zustimmt oder sie zumindest passiv hinnimmt, die ansonsten möglicherweise gar nicht durctzusetzen wären.
Aber – April, April – immer wenn es um „Krieg gegen den Terror“ (Al Qaida, Islamischer Staat, was für eine Bande entmenschter Söldner auch immer) geht, den Terror, den sie selbst mit erschaffen haben, dann haben sie irgendeine andere Teufelei im Sinn, Öl, illegale Drogen, profitabler Waffenexport, was auch immer. Da wäre es schlicht kontraproduktiv, das zum Monstrum aufgeblasene „Phänomen“ des „islamistischen Terrorismus“ wirklich und tatsächlich zu vernichten. Im Zweifelsfall werden eben Bärte abgeschnitten und die Kopfabschneider präsentieren sich als „moderate Rebellen“ etwa unter der Flagge des Markensnamens „FSA“.

So geht das Spiel, und es ist wichtig, es zu durchschauen.

Bis jetzt funktioniert das Theaterspiel immer wieder sehr gut, zum Schaden von uns allen (von Berlin bis Südarabien), zum Nutzen aber unserer erlauchten „Eliten“.

„Operation Euphrat Schild“ ist nichts anderes als ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg unter Benutzung des bewährten Markennamens „Freie Syrische Armee“ (FSA).

Denn diese ominöse „FSA“ ist nichts anderes als ein Label, auf das tragischerweise sogar viele Linke hereinfallen. Dabei ist auch in diesem Falle die Beweislast erdrückend. Eine wirkliche politisch-militärische Kraft war diese „FSA“ nie, ist sie nicht und wird es auch niemals sein. Es handelt sich um ein Konstrukt ähnlich geschickt gebastelt wie der „Islamische Staat“, aber mit einer anderen Funktion. Wo der „Islamische Staat“ das „Böse“ repräsentieren und darstellen soll, da mimen die unter „FSA“ firmierenden Verbände das „Gute“. Schön blöd, wer darauf reinfällt.

Im Grunde ist „FSA“ die Lieferadresse für Waffen, Munition und Nachschub für ein wildes Sammelsurium von Söldnerbanden, die nicht zufällig zu einem Großteil aus Nicht-Syrern bestehen. Es geht eigentlich ganz einfach. Wenn eine solche Bande sich als Teil der „FSA“ bezeichnet, dann wird sie von der „westlichen Wertegemeinschaft“ geradezu überschüttet mit allem, was sie so braucht. Dumme, einfältige und gekaufte Journalisten in den Mainstream-Medien stilisieren diese Banden dann weisungsgemäß zu einer „säkularen“, „moderaten“ „syrischen Opposition“ hoch und es gibt jede Menge Leute, die das auch glauben, weil sie es einfach glauben wollen.

Aktuell ist es die Türkei, die von ihr aufgestellte, ausgebildete und geführte Söldnertruppen als „FSA“-„Rebellen“ firmieren lässt. Kurdische Quellen berichten, dass die Kämpfer des „Islamischen Staates“ sich einfach nur die Bärte stutzen und zu der türkischen Variante der „FSA“ überlaufen. So geht das mit dem „schnellen Vormarsch“ (siehe Karte).

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Eigentlich ganz einfach, oder?

Doch betrachten wir die eigentlichen Drahtzieher dieser Operation. Vorderhand ist das die Türkei, die ganz überraschend plötzlich so gar nicht mehr den Buhmann der „westlichen Wertegemeinschaft“ darstellt. Klar doch, wenn sie doch gegen das „Böse an sich“ (IS) zu kämpfen scheint.

Das schwere Zerwürfnis zwischen der Erdogan-Regierung und der „westlichen Wertegemeinschaft“ anläßlich des durch diese klammheimlich geförderten Putschversuchs in der Türkei, ist das damit schon Vergangenheit? Fürs erste wohl schon. Denn Erdogan macht ja derzeit genau das, was die „westliche Wertegemeinschaft“ mit der US-Regierung an der Spitze von ihm will: er marschiert in Nordsyrien ein, um dort eine sichere Pufferzone zu schaffen für die Aufstellung und Ausrüstung weiterer Söldnertruppen, die den von den westlichen Eliten gewünschten „Regime Change“ in Syrien durchzusetzen versuchen.

Er macht gewissermassen die Dreckarbeit für die Eliten dieser „westlichen Wertegemeinschaft“, aus eigenem Interesse, versteht sich. Denn ein PKK-Land in Nordsyrien (Rojava) ist etwas, was aus seiner Sicht unbedingt zu verhindern ist.

Da ist die versuchte Tötung Erdogans durch die Putschisten für erste mal vergessen, wenn auch nicht vergeben.

Den USA wird dadurch das unkalkulierbare Risiko erspart, selbst mit Bodentruppen eingreifen zu müssen. Denn das ist es, was die US-Führung unbedingt fürchten muss. Wenig bekannt und bewusst nämlich ist, dass die Invasion 2003 in den Irak und die anschließende Besatzung durch die US-Armee und gefügige Vasallentruppen sich zu einem Fiasko entwickelte. Eine US-geführte Marionettenregierung war nicht durchzusetzen, stattdessen geriet der Irak diskret in den immer stärker werdenden Einfluß des Iran, hinter den Kulissen gewissermaßen. Die Schiiten des Süd-Irak waren und sind für eine US-Vorherrschaft nun einmal nicht zu begeistern, gerade dort entwickelte sich ein unerwartet zäher Widerstand. Die USA behalfen sich mit einer durchaus effektiven Methode: sie zettelten einen konfessionellen Bürgerkrieg an in einem Land, das seit 1000 Jahren keine Religionskriege mehr gekannt hatte. Mittel dazu waren einerseits die US-Schöpfung „Al Qaida im Irak“, andererseits gewisse schiitische Milizen. Eine Serie von sektiererischen Gewaltakten auf beiden Seiten, und schon war er da, der Bürgerkrieg. Aber zu dumm, die stärkere Bevölkerungsgruppe der Schiiten, deren Führungseliten den westlichen in Punkto Korruptheit sicher nicht nachstehen, liierten sich trotzdem lieber mit dem Iran als mit dem in der gesamten Region gehassten US-Imperialismus.

Zurück zu Syrien. Die irakische Erfahrung sagte dem US-Imperialismus, dass eine dauerhafte Besatzung eines Landes der Region mnit eigenen Bodentruppen zu riskant ist und es besser ist, Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufzuhetzen. Je blutiger desto besser. Westliche Menschenrechtsinterventionspolitik vom Feinsten eben.

Dieses Spiel wird von den USA in Syrien gespielt. Ziel scheint dabei eine Aufspaltung des Landes in ethnisch-konfessionelle Pseudo-Kleinstaaten zu sein. So jedenfalls die Gedankenspiele us-amerikanischer „Think Tanks“ schon seit einigen Jahren.

Dazu passt es auch hervorragend, wie die US-Regierung zuerst die kurdische YPG „unterstützt“ und dann verladen und betrogen hat. Sie unterstützte die YPG „generös“ im Kampf gegen das von ihr selbst geschaffene Monstrum „IS“ und rechnete durchaus begründet mit der Kurzsichtigkeit und Begriffsstutzigkeit der YPG-Führung.

Aus deren Sicht beabsichtigte man wohl, das Strategem „Sich mit dem fernen Feind gegen den nahen Feind verbünden“ und hielt das wohl auch für sehr schlau, sich dem US-Imperialismus als Bündnispartner anzudienen. Anders ist es nicht zu erklären, so töricht zu handeln. Nun haben die USA ganz offen Militärstützpunkte auf syrischem Gebiet (in der von den SDF kontrollierten Nordregionen), was ihnen ohne Einladung der YPG nicht möglich gewesen wäre, und gleichzeitig haben sie sich Erdogan wieder gewogen gemacht, indem sie seine völkerrechtswidrige Operation unterstützen und gleichzeitig der YPG mit dem Zeigefinger drohen sich aus der region westlich des Euphrat wieder zurückzuziehen.

Tja, YPG, Krieg besteht nun einmal nicht nur aus Taktik, sondern da gibt es eben auch noch Strategie und Prinzipien (Kriegsziele). Und wer das nicht berücksichtigt, kann sehr schnell auch bei momentanen Erfolgen einen ganzen Krieg verlieren.

Grundsätzlich halte ich Özalans Konzeption des „demokratischen Könföderalismus“ eine durchaus akzeptable Strategie „mittlerer Reichweite“ für die gesamte Region. Allerdings hat die YPG ihre eigene Zielvorstellung selbst erfolgreich untergraben. Denn ein „demokratischer Konföderalismus“ wäre nur tragfähig für die gesamte Region, und damit meine Ich nicht nur Syrien, sondern auch den Irak und den Libanon, eine Region, die gekennzeichnet ist durch ein nebeneinander vieler ethnischer und quasi-ethnischer (religiös-konfessioneller) Gemeinschaften. Eine Abspaltung Nordsyriens als ein Rumpf-Kurdistan wäre in diesem Zusammenhang völlig kontraproduktiv, denn auch diese Region ist keineswegs „ethnisch rein“ kurdisch.

Mir ist klar, dass das syrische Regime unter den Vorgängern des gegenwärtigen Präsidenten eine durchaus verhängnisvolle Politik gegenüber den Kurden machte, vor dem Beginn des jetzigen Krieges, und dass von daher durchaus Grund für Feindeligkeiten von beiden Seiten vorliegen. Aber der gegenwärtige Krieg ist INSGESAMT ein Interventionskrieg der „westlichen Wertegemeinschaft“ inklusive den archaischen Ölmonarchien am Golf, der nur noch dadurch gekennzeichnet ist, dass die agierenden Schurkenstaaten untereinander sehr divergierende Interessen haben und deshalb durchaus geneigt sind, sich auch gegendseitig an die Gurgel zu gehen, was eigentlich eine Chance wäre für eine fortschrittliche Politik in dieser Weltregion.

Eine Lösung der bestehenden Konflikte würde in einer Art demokratischen Konföderation autonomer Gemeinschaften (von der Türkei bis runter zum Jemen) bestehen bei öffentlichem und zentralisierter Förderung und Nutzung der Ölressourcen der Region zum Nutzen aller. Gewiss ist das gegenwärtig Zukunftsmusik und „utopisch“, aber jede andere Alternative (etwa die Zerschlagung der Region in Kleinstaaten) wäre schlechter für die Menschen dort. Und, auch klar: keine Einmischung des Imperialismus.

Strategisch wäre eine breite Allianz gegen die westliche Intervention also notwendig, aber speziell der Führung der YPG scheint die Weisheit dafür zu fehlen, was allerdings auch für die schiitischen Eliten im Irak gilt, die sich taktisch immer mal wieder gern dem US-Imperialismus unterordnen, damit er ihnen gegen das „Böse schlechthin“, das vom Westen gepäppelte „sunnitische“ Monstrum IS, weiterhin „hilft“.

In dieser Hinsicht hat sich – der Not gehorchend – das syrische Regime durchaus bewegt, so ist zu erfahren, eine begrenzte Autonomie würde die Regierung des jetzigen Präsidenten der YPG durchaus zugestehen, aber natürlich kann sie einer faktischen Abspaltung der durchaus multiethnischen Nordregionen nicht zustimmen. Die rücksichtslose Arabisierungspolitik des syrischen Regimes gehört tatsächlich der (trotzdem unbestreitbaren) Vergangenheit an.

Eine breite Allianz nicht nur von syrischer Baath-Regierung und SDF, sondern auch unter Einschluß des Irak, gegen die „islamistischen“ Söldnerbanden ist aus meiner Sicht die einzig sinnvolle Strategie, auch wenn es derzeit nicht danach ausschaut.

Unter deutschen Linken zeichnen sich nach meiner Einschätzung in der Positionierung zum Syrienkrieg folgende Lager ab:

  • die Unterstützer der syrischen Regierung und ihrer Alliierten (Iran, Russland, China usw.), die sich am Säkularismus dieser Allianz orientieren
  • die Unterstützer der PKK (YPG und SDF), die die Selbstverwaltung Rojavas für vorbildlich für die Region halten
  • als „dritte Fraktion“ gibt es noch jene, die sich kontrafaktisch Illusionen über die Existenz „moderater Rebellen“ unter dem Firmenschild FSA machen

Die völlig realitätsferne dritte Fraktion will ich an dieser Stelle übergehen.

Gegenüber den beiden anderen Tendenzen formuliere ich meine Position folgendermassen:

  • ich halte es für falsch, sich derzeit entweder mit dem Assad-Regime oder der YPG-Führung politisch zu identifizieren. Beide Führungen sind – bei aller Rhetorik – grundsätzlich bürgerlich-nationalistisch orientiert und bieten keine wirkliche politisch-soziale Perspektive für die gesamte Region.
  • Sowohl der Anspruch der Kurden (und anderer Minoritäten) auf Autonomie und Selbstbestimmung als auch das Recht des (bürgerlich-nationalistischen) Staates Syrien auf Verteidigung des Landes gegen eine verdeckte ausländische Intervention (denn etwas anderes stellen die vielen Dschihadisten letzten Endes nicht dar) sind zu unterstützen.
  • Ungeachtet der politischen Vergehen und Verbrechen der Vergangenheit beider Seiten halte ich eine politisch-militärische Allianz der beschrieben Art für notwendig und unausweichlich, wenn die Pläne der Imperialisten (Aufspaltung der Region in jeweils fast lebensunfähigen „failed states“) verhindert werden sollen. Dass dazu erst einmal so etwas wie eine Vertrauensbildung notwendig sein wird, ist klar. Klar ist aber auch, dass genau so eine Allianz etwas ist, was der Imperialismus fürchten muss wie der Teufel das Weihwasser. Eine solche Allianz muss ungeachtet der aktuellen Situation beharrlich gegen die Kriegspropaganda der „westlichen Wertegemeinschaft“ propagiert werden.
  • Die Intervention der Türkei muss in jedem Fall angeprangert und bekämpft werden, egal von welcher Position aus. Die beschämende Rolle der europäischen Regierungen als US-Vasallen muss beharrlich offengelegt und denunziert werden.

siehe auch (teilweise Quellenbelege):

https://www.jungewelt.de/2016/08-27/001.php

http://www.jungewelt.de/2016/08-26/064.php

https://southfront.org/operation-euphrates-shield-in-syria-august-27/

https://southfront.org/syrian-kurds-terrorists-trimmed-beards-defected-to-turkeys-side/

Beitragsbild entnommen aus https://southfront.org/operation-euphrates-shield-in-syria-august-27/

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